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Samstag, 3. März 2007

Ueber Schuster und Schneider

Paul und ich (mit meinem neuen Hemd) nach der ersten Projekt-Management-Stunde

Dies ist kein Artikel ueber ehemalige und aktuelle deutsche Fussballer, wie der Titel vermuten laesst. Obwohl man darueber auch viel schreiben koennte, die Berichterstattung der ugandischen Zeitungen ueber die britische Premiership, aber auch die deutsche Bundesliga ist ausfuehrlicher, als ueber die ugandische Liga und nimmt jedes Wochenende ein eigenes beiliegendes Journal ein. Weltklasse! Mein Herz schlaegt heute natuerlich fuer Hertha im Spiel gegen Bayern!

Nein, heute moechte ich mal ueber traditionelle ugandische Berufe berichten. Schon in den ersten paar Tagen in Uganda deutete sich bei meinen braunen Ausgehschuhen ein kleines Loch in der Ledersohle an. Nun gut, die sind auch schon bestimmt 2-3 Jahre alt und hatten Ecuador prima ueberstanden. Also habe ich meine Familie nach einem Schuster gefragt, mit der Idee, die Schuhe neu besohlen zu lassen. In Ecuador hatte ich mit dem Festkleben der Sohle bei anderen Schuhen bei einem Schuster gute Erfahrungen gemacht, es hatte dort 2 Dollar gekostet und haelt immer noch. Schuster sitzen in Uganda an fast jeder Strassen- oder Marktecke, im Freien, mit einem Berg zu reparierender Schuhe vor sich, die teilweise in Reisetaschen auf dem Boden verstaut werden. Am naechsten Tag hatte mich Lydia aus der Gastfamilie dann zu einem Schuster gebracht, der schaute die Schuhe an, nickte, sagte, er wuerde aber eine Gummisohle besohlen, ich dachte, umso besser bei den Strassenverhaeltnissen hier, nannte mir den Preis von 10.000 USh (4,50 Euro), ich solle am naechsten Tag wieder kommen. So weit so gut, Ergebnis war, dass Lydia die Schuhe am naechsten Tag abholte, der Schuster angeblich keine Sohle in meiner Groesse (46) gefunden hatte, dafuer aber der eine Oberschuh halb von der Sohle abgetrennt war (was man auf Anhieb nicht gesehen hat). Geld gab es wenigstens zurueck. Mir wurde dann gesagt, die Schuster in Entebbe taugen nichts, ich solle es in Kampala versuchen.

2. Anlauf mit meinem Kollegen Ronnie bei einem Schuster in der Ecke vom Old Taxi Park Kampala: Nur noch 7.000 USh (3,10 Euro), Besohlung, Kleben des Oberschuhs plus neue Absaetze fuer beide Schuhe. Ergebnis: nach dem ersten Tag Laufen loesen sich beide angeklebten neuen Sohlen an den Ecken wieder ab. Reklamation beim gleichen Schuster, er bringe das natuerlich in Ordnung, am Abend sind die Sohlen zusaetzlich zur Verleimung in den Ecken mit Naegeln befestigt. Nach zwei weiteren Tagen faellt der eine Absatz wieder ab. Wieder zurueck, man kennt mich hier inzwischen schon (als Muzungu sowieso), ich brauche gar nichts mehr zu sagen, er bringe das bis zum Abend in Ordnung. Ok, einen Abend spaeter will ich die Schuhe gerade ausziehen, ziehe dabei etwas an der Sohle, woraufhin sich die Verklebung des Oberschuhs wieder von der Sohle abloest. Ich ueberlege frustiert, die Schuhe endlich wegzuschmeissen, inzwischen habe ich mir bei der einzigen Schuhkette Bata hier (die kommen bestimmt aus Suedafrika, wie viele Ketten in Uganda) fuer 70.000 USh (31 Euro) ein Paar schoene schwarze Schuhe gekauft. Die Mutter meiner Gastfamilie macht einen letzten Anlauf: ihr Mann kenne einen guten Schuster, der das richtig verleimen und naehen werde, ob sie ihm die Schuhe mitgeben solle? Na gut.

Am selben Abend stehen die Schuhe frisch poliert und neu verleimt, zusaetzlich sogar vernaeht, vor meinem Zimmer. 2.000 USh (90 Cent), bisher haben die Schuhe immerhin eine Woche ueberlebt...

Hemdenkauf: In den Geschaeften stehen hier ja nie die Preise ausgeschrieben (ausser in wenigen grossen Supermaerkten), also weiss man nie, ob man z.B. beim Hemdenkauf gerade wieder ueber's Ohr gehauen wird, oder nicht. Natuerlich kann man mit den Preisen in Deutschland vergleichen, dagegen ist hier alles ganz billig. Aber wenn man dann die Preise hoert, die Einheimische angeblich zahlen, hat man doch zu viel gezahlt. Mein Kollege Paul sagt, ein Oberhemd kostet zwischen 8.000 und 20.000 USh (3,60 Euro - 9,10 Euro), vielleicht habe ich mich ja verhoert. Jedenfalls wurde ich ganz leise, weil ich fuer mein erstes Oberhemd hier 45.000 USh (20 Euro) bezahlt hatte. Ich hatte es schon geahnt, als die Verkaeuferin sich hinterher so gefreut hatte... Also machte ich das naechste Mal, jetzt mit den Preisen im Kopf, einen neuen Anlauf in einem anderen Geschaeft. Ein Baumwollhemd im Leinen-Look, made in Thailand. Der Kragen war sehr schlicht, kein doppelt gelegter Stoff, also fing ich mit dem Bieten an: 8.000 USh, unterstes Gebot der Hemdenskala. Der Verkaeufer blickt sehr ernst und leidend, nein, das koenne er nicht machen, das Hemd sei zwischen 25.000 und 30.000 USh wert, weil er mich so mag (er hat mich ja gerade erst kennengelernt!), verkaufe er es mir fuer 25.000 USh. Ich gehe bis auf 15.000 hoch, er auf 20.000 runter, aber ehrlich gesagt, finde ich das Hemd gar nicht so toll und verlasse den Laden wieder, inzwischen hatte eine Russin ein Hemd fuer ihren Mann gekauft, fuer 25.000 USh.

Ein anderer Mann hat mich gesehen und fragt mich beim Rausgehen, ob er mir traditionelle Hemden, hergestellt in Uganda, zeigen duerfe. Ich willige ein, Gucken kostet ja nichts. Er fuehrt mich ein paar Strassenecken weiter, durch enge belebte Gassen, ich halte krampfhaft meine Tasche fest, vielleicht will er mich ja entfuehren, fuer einen Weissen bekommt man bestimmt ein gutes Loesegeld... Wir landen in einem typischen Schneidergeschaeft: vor dem Raum auf der Strasse sitzt ein Mann mit Naehmaschine, hinter ihm haengen auf Buegeln afrikanische Hemden mit schoenem Stickmustern. Er zeigt mir ein weisses Hemd, aber ich interessiere mich viel mehr fuer ein dunkelblaues mit braunem Stickmuster. Auch hier fange ich wieder mit 8.000 USh an, er mit 25.000. Ich sage, ich haette im anderen Geschaeft ein Hemd ja schon fuer 20.000 bekommen koennen, er antwortet, das sei aber nicht so ein schoenes afrikanisches Hemd gewesen, selbst geschneidert. Er verhandelt hart, auch immer mit Traenen in den Augen, dass ja kein Gewinn mehr fuer ihn uebrig bleibe, fuer meine Gebote koenne er mir gerne andere, schlichte Hemden verkaufen, aber nicht dieses Schoene. Ich will aber nunmal DAS Hemd haben. Schliesslich bietet er es mir fuer 19.000 an, ich gebe ihm 17.000, und er akzeptiert. Das Ganze hat bestimmt eine halbe Stunde gedauert, aber was ist schon Zeit hier in Afrika?

Als ich das Hemd in den naechsten Tagen trage, hagelt es Komplimente von allen Seiten. Na bitte, hat sich doch gelohnt!

Der aktuelle Kabaka (Koenig) Mutebi II des Koenigreichs Buganda vor seinem Verwaltungstrakt, der an den Flughafen Berlin-Tempelhof in klein erinnert.