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Donnerstag, 15. Februar 2007

Schule in Uganda und eine neue Verlobung

Hindu Tempel in Kampala - als Deutscher bekommt man erstmal einen Schreck, wenn man die Hakenkreuz-Runen am Zaun sieht...

Blick auf den Old Taxi Park von Kampala. Mit diesen Toyota-Minibussen wird praktisch der gesamte Personenverkehr von Uganda abgewickelt. Ringsherum Marktstaende.

Blick von Garden City, der einzigen groesseren Mall von Kampala, auf den nahegelegenen Golf-Platz.

Am Donnerstag habe ich meine erste Unterrichtstunde in Informatik an der Bishop Sisto Mazzoldi Oberschule gehalten, in einer 8. Klasse. Die Bedingungen sind nicht gerade ideal, die Schule hat zwar 8 Dell-Computer schaetzungsweise aus dem Jahr 95, von denen aber nur noch 3 funktionieren, alle anderen haben Festplattenausfaelle. Kein Wunder, die Tische im Computer-Labor sind von einer millimeterdicken roten Sandschicht ueberzogen. So haben sich jeweils acht Kinder um jeden Computer gesetzt und versucht, unter Windows Ordner mit ihren Namen zu erstellen. Ich teile mir den Unterricht mit der Informatik-Lehrerin Immaculate, sie unterrichtet freitags die Theorie, ich donnerstags die Praxis.

Die Schule wurde 1993 von katholischen Ordensbruedern gegruendet, der namensgebende Bischoff war ein Italiener, der in Ostafrika sehr aktiv war. Sie ist eine kombinierte Tagesschule und Internat (viele Schueler schlafen hier, aber nicht alle), wie es hier ueblich ist. Auch hier haben die Englaender Vorarbeit geleistet, was man bis in den Lehrplan hin merkt, in Geschichte wird z.B. ein Grossteil der europaeischen Geschichte, nicht der afrikanischen gewidmet. Wer Harry Potter gelesen hat, dem kommt vieles vertraut vor, z.B. die Abschlussexamen fuer die O-Level (ordinary level, so etwas wie Mittlere Reife nach der S4, der Senior-4-Klasse, entspricht der 11. Klasse) und die A-Level (advanced level, Abitur, nach S6, 13.Klasse), bei Harry Potter O.W.L.s and N.E.W.T.s. Die Klassenraeume sind schlicht ausgestattet, mit kombinierten Schulbanktischen aus Holz. Beim Hinsetzen in Uganda muss man immer aufpassen, dass nicht ein hervorstehender Nagel ein Loch in die Hose reisst... Ab und zu hoert man erstickte Schreie, dann wurde wieder ein Schueler mit einem Stockschlag auf den Allerwertesten bestraft und huepft hinterher in die Luft, um den Schmerz zu stillen. Auf eine Frage an die Schueler antworten alle im Chor, als ich zum Beispiel der Klasse vorgestellt wurde und Immaculate sagte, ich wuerde im naechsten Trimester unterrichten, kam als Antwort im Chor "Grossartig!". Wenn ich etwas an die Tafel schreibe und danach noch einmal vorlese, wiederholt das die ganze Klasse diszipliniert im Chor. Lernen durch Drill...

Ich bekomme gerade Anweisungen von Stella (rechts), wie ich die Rosetten fuer den Festschmuck zu falten habe.

Waehrend der Introduction Ceremony gibt es immer wieder Tanzeinlagen.

An die afrikanische Spontaneitaet bin ich ja schon gewoehnt, hinzu kommt eine neue Komponente, die ich jetzt immer haeufiger erlebe: eine unklare Informationspolitik. Man kann sich auf nichts einstellen, es kommt sowieso immer anders. Als Beispiel hier die zweite Introduction Ceremony (Verlobung), die ich gestern miterlebt habe. Am Freitag fragt mich mein Kollege Ronnie, was ich am Samstag vorhaette. Ein Freund wuerde Samstag abend Hochzeit feiern, er ist von einem westugandischen Stamm, und so wuerde ich andere Rituale als beim letzten Mal sehen. Ich sage zu, und Ronnie verspricht, sich abends nochmal mit Ort und Zeit bei mir zu melden. Abends keine Nachricht, dafuer summt am naechsten Morgen um 7:00 mein Handy, im Halbschlaf lese ich: Das Programm beginne um 9 Uhr frueh, Treffpunkt um 9:00 in Kampala. Prima, denke ich, da habe ich ja noch knapp eine Stunde zum Aufstehen und Fruehstuecken, nach Kampala brauche ich mindestens eine Stunde im Sammeltaxi, bei Stau eher 1,5 Stunden. Na gut, ist ja afrikanische Zeit, also trudel ich gegen 9:30 am Treffpunkt ein. Jetzt erzaehlt mir Ronnie, es handele sich um eine kombinierte Introduction Ceremony (Verlobung) und Hochzeit hinterher, ein stressiges Programm, deshalb der fruehe Treffpunkt. Na gut. Als wir um 10:00 beim Haus der Braut ankommen (hier findet traditionell eine Verlobung statt), sind wir die ersten Gaeste, die 3 Zelte werden gerade geschmueckt, die Stuehle aufgereiht und mit Bezuegen versehen, die Musikanlage aufgebaut usw. Ich frage mich, wozu der Stress mit dem fruehen Aufstehen, wenn die Feier offensichtlich erst in ein paar Stunden losgeht? Na gut. Aus Langeweile helfen wir mit beim Aufbauen und lassen uns von Stella erklaeren, wie man Rosetten fuer die Beschmueckung aus breiten Geschenkbaendern bastelt. Ich halte Stella fuer die Dame des Hauses, also die Mutter der Braut, weil sie die Anweisungen fuer die Dekorationen gibt. Daneben hilft noch Richard, der mit Jeans und Bayern-Muenchen-Trikot gekleidet ist (zumindest falle ich damit, der sich hier immer noch keinen Anzug gekauft hat, nicht allzu unangenehm auf) und Elena. Mittags laedt uns Stella dann auswaerts zum Essen ein (ich wundere mich immer mehr, da auch im Haus fuer andere Gaeste Essen angeboten wurde) und gegen 16:00 nachmittags faengt dann die Introduction Ceremony an. Irgendwann abends erklaert mir Ronnie dann, dass Stella seine Cousinen-Schwester ist (in Uganda werden alle Cousinen und Cousins als Schwestern und Brueder bezeichnet, das ergibt dann die Extended Family, die erweiterte Familie) und sie eine Firma hat, die mit der Dekoration der Verlobung beauftragt wurde. Langsam wird mir alles klar, ich bin hier nicht als Gast eingeladen, sondern zum Arbeiten, deshalb der fruehe Beginn. Und es handelt sich nur um eine Verlobung, keine anschliessende Hochzeit. Na gut. Aber warum wird einem die Wahrheit hier immer stueckchenweise nach und nach praesentiert, und warum wird man immer erstmal in eine etwas andere Richtung losgeschickt? Aber das scheint ausser die Muzungus hier keinen zu stoeren.

Die Partei des Braeutigams in traditioneller westugandischer Tracht, der Braeutigam hat den Federschmuck von der Braut erhalten.

Afrikanisches Buffet - lecker!

Die Verlobung an sich war wieder sehr interessant. Die Partei des Braeutigams zieht in den Garten der Braut ein und fragt die Partei der Braut nach der Tochter Jaqueline. Zum Test und Spass laesst der Brautvater dann erstmal drei kleine Toechter erscheinen, welche davon Jaqueline sei. Der Braeutigamsvater erwidert darauf, sie seien zwar alle Jaqueline aehnlich, er suche aber nach einer erwachsenen jungen Frau. Darauf bietet der Brautvater drei andere junge Damen auf, Jaqueline ist aber wieder nicht darunter. Danach erscheinen Trommler und Taenzerinnen, sowie die Braut, ihre Matronin (meist eine Tante) und 7 Brautjungfern, die sich auf eine schoene Bastmatte setzen. Jetzt ist die Partei des Braeutigams zufrieden und die Verhandlungen um die Braut beginnen, wieder von professionellen Moderatoren durchgefuehrt. Der Brautpreis (in der Regel Kuehe und Ziegen) wird zwar nicht genannt, aber man einigt sich schliesslich, und die Braut erwaehlt nun aus der Maennergruppe des Braeutigams und seinen Bruedern den Richtigen, in dem sie ihm einen Federschmuck aufsetzt. Nun kommt Bewegung ins Spiel, die Partei des Braeutigams traegt Gastgeschenke herein (diesmal komischerweise nur Limonaden- und Bierkisten, sowie Wein und eine Flasche Johnnie Walker), und der Maennerklan des Braeutigams umarmt die Maenner der Brautfamilie. Man ist nun eine Familie. Die Frauen der Familien sitzen derweilen diskret im Hintergrund. Diesmal gibt es das Essen schon vor den Reden, und was fuer ein Essen. Es war das beste afrikanische Buffet, was ich hier bisher hatte, mit Matooke, Reis, Spaghetti, Chapati, Gemuese (!!), Huhn, Rindfleisch, Krautsalat, Suess- und Salzkartoffeln, und diesmal gab es auch mehrere verschiedene Biersorten. Richard (der mit dem Bayern Trikot) fragt mich, welche Sorte mir am besten schmeckt und erzaehlt, dass der Bayern-Fan-Klub mal in Kampala war. Die haetten die Halb-Liter-Flaschen fast in einem Zug geleert... Am Schluss helfen wir Stella natuerlich noch beim Abdekorieren, wir falten alle mitgebrachten Dekostoffbahnen wieder zusammen und schleppen die grosse Stofftasche bis zur naechsten Durchgangsstrasse, wo wir auf Mofas und danach ins Sammeltaxi umsteigen.