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Sonntag, 1. Oktober 2006

Alltag in Ecuador II

Lieblingsthema Wahl Miss Guayaquil und ein Schlauch Zahnpasta

Da im Augenblick ausser einer komplizierten Liebelei bei mir nicht viel passiert, kann ich mal wieder über ein paar Dinge des Alltags hier in Ecuador berichten. Von AFS erhalte ich z.B. monatlich einen Scheck für meine Fahrtkosten (letzten Monat 11,75 $), also fange ich mal an mit den

Banken in Ecuador

Daueraufträge oder Lastschriften scheinen hier entweder noch nicht erfunden zu sein, oder extrem unüblich. Gestern hat mir Richard erzählt, er muss noch einige Besorgungen machen, u.a. die Strom- und die Wasserrechnung bezahlen. Einmal war unser Internetanschluss (für die ganze Firma!) eine Woche gesperrt, weil die Rechnung zu spät bezahlt wurde. Da ist meine Gastfamilie aber kein Einzelfall, bei anderen Familien war deswegen z.B. schon mal das Telefon für ausgehende Anrufe gesperrt. Wenn man eine Bank besucht, ist die deshalb immer gut gefüllt, gestern standen 30 Wartende in der Schlange vor mir, oft kommt man gar nicht rein, weil die Schlange bis auf die Strasse steht. Geldautomaten gibt es aber wie bei uns, die meisten funktionieren sogar mit unserer ec/maestro-Karte (wenn man weiss, was man im englischen Menu auswählen soll: Abhebung vom debit, saving oder checking account, ich habe mich irgendwann für checking account entschieden, weil ich das noch am ehesten mit Girokonto verbinde). Wenn ich mir überlege, dass ich ausser bei den Vorbereitungen für mein Sabbatjahr in den letzten 5 Jahren kein einziges Mal an einem Bankschalter war, sondern alles über Internet und Geldautomaten geregelt habe, muss ich hier doch schmunzeln. Das Warten in der Schlange ging dann übrigens überraschend schnell, da es immerhin das System Eine-Schlange-für-vier-Schalter schon gibt. So konnte ich kaum mit den zwei Frauen vor mir schnacken, die immer belustigt zu mir nach oben geguckt haben, kam nach 15 Minuten schon ran - und musste feststellen, dass hier mal einer der wenigen Fälle war, wo meine schöne Farbkopie des Reisepasses als Legitimation zur Scheckeinlösung nicht ausreichte, also muss ich nächste Woche nochmal mit dem Original-Pass antreten. Ach, und die freundlichen Sicherheitskräfte mit 5-10 cm dicker kugelsicherer Weste und Waffe vor und in der Bank fallen mir schon gar nicht mehr auf.

Geburtstagstorten

Gestern hatte Annika Geburtstag und wir waren bei ihrer Familie zum Feiern eingeladen. Ohne ihrem Bericht darüber vorgreifen zu wollen, sind zwei Sachen hier etwas anders als bei uns: die Geburtstagstorte wird hier oft dermassen angeschnitten, dass zuerst ein kleiner Kreis in der Mitte der Torte geschnitten wird. Die Tortenstücke werden dann um dieses Stück herum abgeschnitten, der Kreis bleibt als letztes Stück übrig. Auf meine Nachfrage hin hat das wohl keine besondere Bedeutung, macht auch jeder anders hier, habe ich aber schon bei verschiedenen Anlässen beobachtet. Und zweitens wird das Geburtstagskind, wenn es die Kerzen nicht vollständig ausbläst (und das schafft man nicht, da es auch hier diese Scherzkerzen gibt, die nach dem Ausblasen einfach wieder angehen), mit Mund und Nase in die Torte geditscht, zum Anbeissen der Torte...

Zeitungen

Die seriöseste Zeitung hier heisst El Universo, die lese ich oft im Bus. Das Universum besteht aus täglich immerhin einer internationalen Seite, die Nachrichten aus Deutschland waren in letzter Zeit sehr rar: Die Reaktionen auf den Papst-Besuch in Deutschland mit Mohammed-Zitat und die Absage der Mozart-Oper "Idomeneo" in der Deutschen Oper Berlin, viel mehr kam nicht. Aber diese Themen interessieren hier in Südamerika auch nicht so, und so wird sehr viel Lokales berichtet und über Tage und Wochen ausgebreitet. Z.B. die Wahl der Miss Guayaquil, die gestern stattfand und wo die letzten 14 Tage täglich eine der Kandidatinnen im Interview vorgestellt wurde, neben zig Berichten, wo die Kandidatinnen täglich wieder aufgetreten sind. Wenn eine Misswahl abgeschlossen ist, fängt die nächste gleich wieder an: In den letzten zwei Monaten gab es die Wahlen: Miss Panamerika (alle Länder Amerikas, Wahl war in Guayaquil), Miss Bananamerika (den richtigen Titel habe ich wieder vergessen, zugelassen waren nur die Schönheitsköniginnen der Bananen-exportierenden Länder), Miss Afroecuador (Wahl der schönsten Schwarzecuadorianerin, die natürlich aus Esmeraldas, der Schwarzenhochburg, kam), Miss Guayaquil, und berichtet wurde auch über Miss Quito und die Vorbereitungen zur Wahl von Miss Duran (Nachbarstadt von Guayaquil, vergleichbar mit Potsdam/Berlin). Dann gibt es JEDEN Tag eine Fotoseite mit 15-20 Farbfotos von Partys, Geburtstagen, Hochzeiten, Jubiläen und Familientreffen des Vortages. Ich bin gespannt, ob heute Annikas Geburtstag auch drin steht :o) .

Bei den Fotos steht übrigens immer der Name unter den Bildern, ob es Strassenarbeiter für den Bau der neuen Metrovia sind, oder Todesopfer vom letzten Massen-Verkehrsunfall, da werden dann oft noch die Nummernschilder gleich mit angegeben. Datenschutz gibt's nicht.

Die Arbeiter im Zoo (Fleischhacker, Handwerker, Käfigreiniger) lesen aber lieber eine Boulevard-Zeitung mit Bildern, gegen die das Bild-Zeitungs-Modell von Seite 3 in Deutschland wie eine Nonne erscheint. Über mehrere Seiten, meist noch mit einer Foto-Story, werden hier die Mädels aus Kolumbien, Brasilien oder Venezuela ausgiebigst vorgestellt. Die Zeitung hat ein Tarn-Deckblatt mit "normalen" Blut-Nachrichten, darunter das eigentliche Deckblatt mit den Mädels, damit das Lesen nicht zu peinlich ist. Ist aber gar nicht nötig, das Lesen IST hier keinem peinlich, und die Foto-Storys werden auch gerne von Frauen gelesen.

Körperpflege und Friseur

Einige Sachen sind hier ungewohnt, Zahnpasta gibt es z.B. ausser in Tuben auch in Schläuchen (s. Bild oben). Duschgel ist hier eine Rarität, sehr teuer (3$), meist importiert und mit ausführlicher Anleitung: "Auf einen Schwamm oder Waschlappen auftragen und damit den Körper einmassieren", gekauft wird Seife.

Während Ecuadorianer z.B. beim Sonntagsfrühstück, das im Schlafanzug eingenommen wird (selbst wenn Besuch aus Deutschland wie ich dabei ist...), die Körperpflege nicht an erste Stelle setzen, ist das ganz anders, wenn man abends ausgeht. Auf einmal werden selbst die Jungs aktiv, duschen um die Wette, rasieren sich, bügeln Hemd und Jeans, putzen Zähne und Schuhe, benutzen teures Parfum. Es kommt mir vor, als ob es um die eigene Hochzeit geht, und die Wartezeiten, bis Mann fertig ist, stehen denen der Frauen um nichts nach. Zum Schluss nochmal die gegenseitige kritische Kontrolle, ob die Ärmel so richtig sitzen oder vielleicht lässig hochgekrempelt werden sollten (was den Bügeleffekt in Sekunden wieder zunichte macht).

Gespart wird dagegen gerne beim Friseur. Als ich meine Brüder danach fragte, ob der Friseur im Einkaufszentrum zu empfehlen sei, sagten sie nur, der koste 8$, viel zu viel. Ich habe lieber nicht erwähnt, dass ich in Berlin immer 20 Euro, also 25$ zahle. So bin ich also eines Nachmittags von Teresa zu einer Friseuse vier Blöcke weiter geführt worden. Von aussen nicht richtig als Geschäft erkenntlich, tritt man ein wie in eine Privatwohnung, steht aber sofort im Salon. Statt mir aufwändig das Haar-und-Frisuren-Spanisch anzueignen, habe ich schlau ein Passfoto mitgenommen, was kurz nach einem Friseurbesuch in Berlin aufgenommen wurde. Die Friseuse, eine nette alte Mutti, die zwischendurch viel telefoniert und sich mit ihrem im Geschäft sitzenden Mann (Vetter, Bruder?), sowie ihrem behinderten Sohn unterhalten hat, nickte fachmännisch, hat mir aber viel zu kurz auf das Foto geschaut. Und so ist dann ein komischer Bart-Simpson-Schnitt herausgekommen, hinten kurzrasiert, Oberhaar lang. Ich vermute, die Friseuse hatte einfach keine Lesebrille für das Foto (übrigens gibt es hier in Ecuador auffällig wenig Brillenträger, sind die vielen Fruchtsäfte wirklich gut für die Augen, oder die Brillen einfach nur für keinen bezahlbar?). Naja, hat dafür nur 3$ gekostet und schon alleine das hat bei meinen Brüdern anerkennende Bewunderung ausgelöst, die fahren für einen 2,50$-Schnitt nämlich immer durch die halbe Stadt, mit entsprechendem Zeit- und Fahrgeld-Mehraufwand.

Berichten kann ich noch über Ärzte, Krankenhäuser, Einwohnermeldeämter, Verkehrspolizisten, den Wahlkampf für die Präsidentschaftswahl in zwei Wochen und natürlich immer wieder über Busse. Aber es sind ja noch ein paar Wochen Zeit.

Update Waschmaschine: Nach einer wilden Rattenjagd in der Küche mit drei Labradoren, einer Waschmaschine (in die die Ratte geflüchtet ist) und einem Besen (mit dem die Ratte in der Maschine letztlich von Richard erlegt wurde, nachdem sie nicht rauszuschütteln war), ist die Waschmaschine mal wieder kaputt - Handwäsche bin ich ja schon gewohnt...

Liebe Grüsse nach Deutschland!

Samstag, 10. April 2010

Alltag in San Francisco

Die Fanesca in Nahaufnahme

Zur Ehrenrettung der Latino-Maenner muss ich mich korrigieren, sie haben doch bei der dicken Fischsuppe geholfen. Der stinkende, grosse Trockenfisch musste naemlich entschuppt und gewaschen werden, keine angenehme Aufgabe. Dafuer hat sich Cousin Marvin sogar sein Hemd ausgezogen, um den Geruch nicht anzunehmen. John und ich haben beim Pellen der Maiskoerner und Bohnen geholfen. Und wer am Rezept der Fanesca interessiert war: es kommt doch kein Ei hinein, und Linsen kann man reinmachen, hatten wir aber nicht.

Und jetzt wieder ein paar Dinge des Alltags in San Francisco. Es gibt hier keine Postzustellung, wie auch in anderen Teilen von Ecuador. Persoenlich schreiben sich die Leute keine Briefe mehr, seit es Internet gibt, also wie bei uns. Und die Rechnungen fuer Wasser, Strom und Telefon? Die muss man einmal monatlich persoenlich bei den drei Gesellschaften einzahlen und erfaehrt dabei die genaue Summe des letzten Monats. In den groesseren Staedten wie Ambato bekommt man seit kurzem die Rechnungen auch zugeschickt, hier gibt es Briefpost. Interessanterweise wird ueber die Stromrechnung auch die Muellabfuhr und die Feuerwehr bezahlt. Die Polizei dagegen wird aus den Steuern finanziert, wie bei uns. Wenn man doch jemand einen Brief zustellen moechte (wie wir im Moment mit den Einladungen zur Hochzeit), kann man es einem Bus mitgeben. Den Empfaenger ruft man dann ueber Handy an, dass er den Brief im Buero der Busgesellschaft abholen kann...

Versorgung in San Francisco: Regelmaessig halten Transporter vor dem Haus von Silvias Eltern, und verkaufen direkt vom Wagen: Trinkwasser (in ca. 10l-grossen Plastikbehaeltern fuer 1,50$, die man bei uns oft als Wasserspender bei Aerzten oder Behoerden sieht), Gasflaschen (zum Kochen), Milch (unbehandelt und frisch von der Kuh), Broetchen (kommt jeden Abend und ist durch sein Hupen nicht zu ueberhoeren) und Gemuese. Bezahlt wird direkt in bar, ein sehr praktischer Service - solange immer jemand zu Hause ist.

Hochzeitsvorbereitungen: dieses arme, aber edle Schwein (pata negra) im Garten von Silvias Eltern wird der kulinarische Hoehepunkt der Hochzeit werden...

Busfahren: hier hat sich zu meinen frueheren Berichten nichts veraendert. Enricos Goldene Regel (pro Stunde Fahrzeit 1$) gilt immer noch. Neulich waren durch starke Regenfaelle (die uebrigens in ganz Suedamerika waren) einige Erdrutsche auf der Verbindungstrasse von San Francisco Richtung Urwald (Puyo), und teilweise war sogar ein Stueck der Fahrbahn weggebrochen in die ca. 50 m tiefer liegende Schlucht vom Rio Pastaza. Zeitweise war die Autoverbindung nach Puyo dadurch ganz unterbrochen. Als wir dann wieder fahren konnten (in Puyo haben wir die Einladungen fuer die Hochzeit drucken lassen), waren die Aufraeumarbeiten noch in vollem Gange, man hatte ein bisschen das Gefuehl von Weltuntergang. Sehr passend dazu wurde im Bus der Untergang der Titanic auf DVD gezeigt...

Melissa kurz nach einem riesigen Entwicklungssprung: Ihre erste selbstaendige Drehung vom Ruecken auf den Bauch!

Rituale: Schamanentum und Rituale sind in Ecuador weit verbreitet. Bekannt ist einigen sicherlich noch, dass vor der Fussball-WM 2006 ein ecuadorianischer Schamane alle Stadien, in denen die ecuadorianische Mannschaft spielen wuerde, geweiht hatte. Andere Braeuche, die uns im Zusammenhang mit Melissa angetragen wurden:
  • Das Einreiben des Babys mit einem rohen Ei (also nicht dem Inneren, sondern dem intakten Ei) verhindert Krankheiten.
  • Die Eltern sollen immer Zuendhoelzer dabei haben, wenn sie mit dem Kind unterwegs sind.
  • Das Baby soll ein rotes Armband tragen.
  • Man darf das Baby nicht auf den Mund kuessen, sonst sabbert es.

Die schoene Cris mit ihrer Kusine Melissa

Miss-Wahlen: Die sind hier ja sehr beliebt, Melissas Kusine Cristina hat sich 2008 an der Wahl von Miss Rio Negro beteiligt. Das bedeutet einigen finanziellen Aufwand, da sich die Kandidatinnen 3 verschiedene Kleidersets kaufen muessen, und sie vom Veranstalter nur 200$ erstattet bekommen. Deshalb haben sich nur 3 Kandidatinnen beworben und Cris war eindeutig die Schoenste der drei. Gewonnen hat dann ein etwas dickeres Maedchen, die zwar nicht huebsch, deren Familie aber dafuer nicht nachvollziehbar reich ist ("Wir haben dreimal hintereinander im Lotto gewonnen...").

Ansonsten geht es uns allen prima hier, das Leben auf dem Dorf und die langen Regenfaelle geben einem viel Zeit fuer Melissa aber auch fuer ein anderes Hobby, das ich im letzten halben Jahr praktisch nicht mehr ausgeuebt habe: Lesen. Und Melissa hat alle Zeit-, Klima-, Windel-, Bett- und Essensumstellungen wie ein Profi vertragen und ueberstanden!

Dienstag, 18. Mai 2010

Hochzeit, Taufe, Flitterwochen

Nach der Hochzeit und Taufe vor der Kirche: Silvias Vater, Trauzeugin Irma, wir, Padre Patricio, Tante Rosa, Silvias Mutter, Trauzeuge Dirk, Tante Mercedes "Miche"

Die letzten Wochen waren turbulent: kirchliche Hochzeit, Taufe, Besuch aus Deutschland, Flitterwochen. Jetzt ist wieder etwas Ruhe eingekehrt. Aber der Reihe nach:

Melissas Taufe mit Patentante Birgitta und Padre Patricio

Die Hochzeit und Taufe ist trotz kleinerer Pannen gut verlaufen. In Berlin hatten wir ja den Brautstrauss zu Hause vergessen, diesmal haben wir daran gedacht, aber nicht an die Taufkerze fuer Melissa. Padre Patricio ueberspielte das galant und nahm eine rote Kerze vom Altar: "Die nehmen wir stattdessen". Er selbst hatte am Ende des Gottesdienstes schon fast die Taufe vergessen gehabt. Silvia erschien spaeter zur Kirche, da sie auf das vereinbarte Glockenlaeuten wartete, das der Kuester vergass. Und auf unserer Hochzeitstorte war keine Figur angebracht. Aber diese Kleinigkeiten haben wahrscheinlich nur wir selber gemerkt... Zur Statistik: wir waren ca. 50 Personen, etwas weniger als vorher geschaetzt, haben bis nach Mitternacht zur Musik des genialen DJs Hector Lopez (Silvias Cousin) getanzt, die deutsch-ecuadorianischen Beziehungen wurden ausgebaut, Miss-Rio-Negro-der-Herzen Cris hat den Brautstrauss gefangen, und Dauertaenzerin Cris 2, die Tochter des DJs, hat Silvias Strumpfband von Marvin angezogen bekommen, eine ecuadorianische Hochzeitstradition. Die letzten Gaeste haben sich als Aufraeumer betaetigt und bis 4 Uhr frueh die Rumreste mit Cola entsorgt...

Tanzen bis zum Abwinken, hier u.a. mit meinem Neffen Robin und Nichte Ronja

Mit Dirk, Robin und Ronja haben wir dann am Tag nach der Hochzeit einen Ausflug zu den Sehenswuerdigkeiten der Umgebung gemacht. Trotz oder gerade wegen des Regens war der Wasserfall "Pailon del Diablo" ein Erlebnis, im Gegensatz zum letzten Besuch vor zwei Jahren war er viel wuchtiger, da blieb kein Kleidungsstueck trocken. Die anschliessende Seilbahnfahrt ueber den zweiten Wasserfall "Manto de la Novia" (Brautschleier) war etwas getruebt von herabspritzendem Schmieroel, das unsere Kleidung verschmutzte.

Die neue Kathedrale von Cuenca

Unsere Flitterwochen gingen nach Cuenca und Macas. Anfaenglich war noch Birgitta dabei und wir nahmen uns einen Mietwagen von Ambato aus. Cuenca ist eine sehr schoene und wahrscheinlich die reichste ecuadorianische Stadt. Die Architektur erinnert an Andalusien (und steht unter Weltkulturerbe), die Eisdielen und Cappuccinos an die Toskana, die Torten an Wien. Hier hatten wir ein paar schoene Tage und haben auch wieder einen Ausflug in den Nationalpark Cajas auf 4.200m Hoehe gemacht. Birgitta flog dann von hier zurueck nach Quito und Berlin.

24 Meerchweinchen ueber dem Grill, zur Misswahl in Macas

Die Strecke Cuenca - Macas war die Bewaehrungsprobe fuer unsere Ehe. Autofahren in Ecuador ist ja schon so nicht einfach, und Dirks Goldene Regel "Lieber ein ecuadorianischer Bus vor einem als hinter einem!" habe ich immer beherzigt. Und dass gut ausgebaute Strassen schlagartig in loecherige Schotterwege uebergehen koennen, war auch keine Ueberraschung mehr. Ein einspuriger, pechschwarzer Tunnel war dann die erste, noch einfache Mutprobe. Schwieriger war das Durchqueren eines kleinen Flusses direkt neben einem Wasserfall. Die Vierradjeeps fuhren da locker durch das steinige Flussbett, aber unser Kia-Mietwagen? Beim ersten Versuch setzte der Wagen im Wasser laut auf die Steine auf, zum Glueck kamen wir rueckwaerts wieder heraus. Beim zweiten Versuch an einer flacheren Stelle hat es dann geklappt. Ein paar Stunden spaeter, wir waren jetzt schon sieben Stunden unterwegs, endete die Strasse in einem riesigen Erdrutsch. Baggerfahrer arbeiteten schon daran, aber diese Menge an Erde und Baeumen war nicht schnell weg zu bekommen. Behelfsmaessig war aber eine Schlammrampe mit gefuehlten 45º Steigung ueber den Erdrutsch angelegt worden. Beim ersten zaghaften Versuch den Berg hoch drehten die Raeder irgendwann durch und die Arbeiter empfahlen, einen zweiten Anlauf mit ordentlichem Schwung zu nehmen. Beim Rueckwaertsrunterfahren bleiben wir aber stecken, und die Arbeiter schoben uns freundlicherweise aus dem Schlamm. Mit Schwung ging es dann beim zweiten Mal gut hoch, aber auch hier schlug der Unterboden dabei staendig auf im Schlamm steckende Steine. Gut, einen Tod muss man halt sterben, und ich sah die 1.200$ Selbstbeteiligung fuer Mietwagenschaeden schon entschwinden. Nach neun Stunden Fahrt sind wir dann voellig erschoepft und mit schlackernden Knien in Macas angekommen und haben das erstbeste Hotel genommen.

In Macas mit neuer Kopfbedeckung.

Macas hat ausser einer atemberaubenden Dschungel-Umgebung nichts zu bieten. Aber wir hatten Glueck, es war gerade die Fiesta von Macas - und natuerlich gab es eine Misswahl. Was waere auch ein Ecuador-Aufenthalt ohne eine Misswahl? Gewinnerin war diesmal die erst 14-jaehrige Thalia, die das Publikum mit einer herzzerreissende Ansprache an ihre Heimatstadt zu einem Beifallsausbruch brachte. Kulinarisch gab es wieder im Ofen gebratenes Schwein (Portion 3$, meine Praeferenz) oder gegrillte Meerschweinchen (Haelfte fuer 10$, Silvias Wahl).

Die 14-jaehrige Thalia, Miss Macas (Macabenia Bonita) 2010

Zum Abschluss der Flitterwoche haben wir Rosa in Puyo besucht, einen schoenen Flussspaziergang gemacht, und hinterher folgende Puyo-Spezialitaet gegessen:

u.a. Bananen-Chips, Mais und Thunfisch

Und der Mietwagen? Den haben wir heute frueh nach einer behelfsmaessigen Wagenwaesche ohne Beanstandungen wieder abgegeben...

Montag, 23. Februar 2009

Die besten Vietnam-Videos

Ein Teil der Vorbereitung ist natürlich auch die Recherche der vietnamesischen Kultur und von Land und Leuten. Das ist ja heute so einfach geworden und z.B. durch YouTube auch sehr anschaulich. Hier die besten und skurilsten Videos, die ich bisher entdeckt habe (wer diesen Text als e-Mail über meinen Newsletter liest, klickt bitte unten auf "Tims Sabbatjahr", um die Videos zu sehen). Viel Spaß beim Anschauen!

Verkehr

Der Verkehr wird von Mopeds und Fahrrädern dominiert, es gibt keine Ampeln, man fährt dynamisch wo gerade Platz ist:



Sprache

Bud Brown war 1972 im Vietnamkrieg und hat dort vietnamesisch gelernt. Er hat eine Sprachserie auf YouTube:



Weltkulturerbe

Die Bucht von Ha-Long (unweit von Haiphong) ist eines von fünf vietnamesischen Weltkulturerben. 2008 entspannten sich hier die schönsten Frauen der Welt während der Miss Universum Wahl: 



Musik

Ursprünglich ein vietnamesisches oder ein chinesisches Lied? In den Kommentaren entbrennt ein wilder Streit zwischen den Nachbarländern über diesen Popsong:



Essen

Achtung, nach diesen Horror-Videos hat ein Nicht-Asiate keinen Hunger mehr!

Die halb ausgebrüteten Enteneier (Balut) isst man so:



Und hier ein Schlangen-Restaurant aus Hanoi:



Wie brät man einen Hund?



Montag, 6. November 2006

Spontanes Ferien-Wochenende

Mit Annika, Sybille und Enrico im Parque Historico
Diese Woche war wieder sehr spontan, und das Sorglosprinzip, die stete Wendung zum Guten, hat auch Anwendung gefunden. Geplant war ja am Mittwoch mit Annika und meinen ganzen Gastbrüdern die Fahrt zum Fest nach Pasaje, und von Donnerstag bis Sonntag die Dienstreise zum Fest von Cuenca mit Tierausstellung.
Alle meine Gastbrüder kommen aus Pasaje, einer Kleinstadt in der Provinz Oro (Oro ist die Bananenhochburg der Welt), wo einmal im Jahr, immer zwei Tage vor dem Fest von Cuenca, ein Fest gefeiert wird. Das Fest beginnt morgens mit Festumzügen in den Strassen, abends spielen Gruppen auf vielen Bühnen Live-Musik, und es gibt viel Bier und Tanz. Praktisch ganz Pasaje ist die ganze Nacht auf den Beinen. Annika und ich waren wie bei meinem ersten Pasaje-Ausflug bei der Familie von Leo und Diego untergebracht, wir fuhren die 4 Stunden Busfahrt mittags mit dem ersten Trupp um Alex herum mit, Diego und Leo konnten wegen Vorlesungen erst später nachkommen. So besuchten wir mit Alex und Manuel erst einen Jahrmarkt mit Riesenrad, das für 75 Centavos so schnell und so lange drehte, dass uns allen schlecht wurde, am meisten Annika. In Deutschland drehen die irgendwie langsamer. Also wieder nach Hause zu Alex fahren und erstmal ausruhen.
Zwischendurch kam eine SMS aus Cuenca, wo mein Chef Richard schon seit Montag alles für die Ausstellung vorbereitete: es gäbe wegen der Feria leider keine Hotelzimmer mehr, die Dienstreise ist abgesagt, sorry für die Umstände. Wir sind ja spontan. Nun gab es für mich zwei Möglichkeiten: wie die anderen Gastbrüder bis Sonntag in Pasaje bleiben, genug Wäsche hatte ich ja mit, oder am Donnerstag mit Annika nach Guayaquil zurückfahren, wo Enrico und Sybille aus Esmeraldas von Donnerstag bis Freitag zu Besuch kamen. Die beiden Tage waren nämlich wegen der Feria von Cuenca in ganz Ecuador frei, was mir im Zoo oder sonstwo (von der Familie, von AFS) keiner gesagt hatte. Nichtswissend hatte ich mich ja freiwillig für diese 4 Tage gemeldet, um in Cuenca zu arbeiten, wo ich in einer Woche sowieso noch einmal für einen einwöchigen Kurzaustausch von AFS hinfahre. Die Sorglosigkeit hat mir dieses Problem nun von selber gelöst, und ich entschied mich dafür, Annika nicht alleine zurückfahren zu lassen und Sybille noch ein letztes Mal in Ecuador zu sehen.
Das Fest war dann sehr schön und ausgiebig, wir haben zwei Bands gehört, in denen ein Freund von meinen Brüdern bzw. der Gastonkel von Annika mitgespielt haben, Diego hat mir Miss Pasaje, seine Ex-Freundin, vorgestellt (die ich natürlich gerne mit Küsschen begrüsst habe), ich habe fast alle Bekannten von meinem ersten Besuch in Pasaje wiedergetroffen, viel getanzt und laut Annika wie alle anderen auch wohl viel getrunken. Um fünf Uhr nachts ging es zum Ceviche-Essen, um neun kurz zum Frühstück nach Hause, danach gleich weiter zu einem Fluss, wo wir bis zum frühen Nachmittag hin badeten. Danach ein leckeres Mittagessen bei Leos Eltern, dann zum Bus nach Guayaquil, endlich ein paar Stunden schlafen (im Bus) und Ankunft in Guayaquil um 18:00.
Sybille und Enrico waren Donnerstag früh mit Camilla und Emma angekommen, hatten sich die Stadt zu Fuss angeschaut, Camilla und Emma sind dann weiter die Ruta Del Sol an der Küste langgefahren, während Sybille und Enrico ins Kino gingen. Da wir sehr müde waren, fuhren wir vom Bus direkt zum Kino, trafen die anderen und hatten noch einen schönen Abend bei Kentucky Fried Chicken und in einem Park.

Enrico amüsiert sich und uns beim Tanzen.

Die nächsten beiden Tage waren sehr schön und deutsch, wir haben am Freitag zu viert Stadtbesichtigung gemacht und u.a. die Weihnachtsbäume und Krippen bestaunt, die hier seit dem 1. November überall aufgestellt sind, wirkt komisch in der prallen Sonne... Am Samstag haben wir uns mit Enrico (Sybille war schon abgereist) den ganzen Tag über nur vom Foodcourt ser Mall San Marino bis zum schräg gegenüberliegenden McDonald's bewegt und über Gott und die Welt philosophiert und uns prima unterhalten. Zwischendurch habe ich mit Narcisa das ausgefallene Krebsessen für den Sonntag verabredet (Sorglosigkeitsprinzip II).

Krebsessen bei Narcisa
Die Krebse und sonstigen Zutaten haben wir am Sonntag früh lebend auf dem Mercado Caraguay gekauft (22 Krebse für 10$), einem grossen Markt der sehr beeindruckend war: riesige Fische, Krustentiere, Obst, Gemüse, sonstige Lebensmittel... Die Krabben (cangrejos) ändern erst nach dem Kochen ihre Farbe und werden dann (krebs-)rot, eine andere Sorte (jaiba) wurde weissbraun. Zum Aufklopfen lagen Holzhammer bereit, dazu gab es Suppe und Krebs-Ceviche, einfach lecker, auch wenn der Aufwand des Knackens sehr gross ist und alles eine ziemliche Herum-Sauerei ist!
Achja, das Clasico Barcelona - Emelec fand heute wieder in Guayaquil statt, diesmal hat Barcelona 2-1 gewonnen und ist damit Zweiter in der Tabelle!
Mehr Fotos.

Freitag, 6. Oktober 2006

Danke für über 1.000 Besuche!

Seit Beginn der Besucher-Zählung Ende Juni wurde dieses Blog über 1.000 Mal aufgerufen.


Vielen Dank dafür!

Zeit für ein paar Statistiken:

Die Besuche verteilen sich zu 30% auf die ecudorianische Zeitzone, zu 70% auf die deutsche. Inzwischen kommen viele Besucher über die Weblogs von Annika und Enrico zu mir, aber auch über Suchmaschinen, hauptsächlich Google. Suchanfragen waren z.B.:

El Pantanal, Austausch über das Sabbatjahr, miss guayaquil 30 september oder Ecuador Alltag.

Im letzten Monat gab es täglich zwischen 3 und 22 Besucher:


Donnerstag, 31. August 2006

Alter - Frischzellenkur - Filmstar II

Am Donnerstag abend mit Freunden im Club nube nueve (Wolke neun).

Also der Filmstar-Artikel kam gut an, so viel Feedback habe ich selten bekommen. Dann muss ich wohl auch erzaehlen, ob ich meine Handy-Nummer der Latino-Schoenheit herausgegeben habe.

Ja, habe ich. Dazu muss ich sagen, dass ich ihr Alter noch nicht wusste und sie wie Anfang 20 wirkte. Ihr richtiges Alter habe ich erst nach den ersten SMSen herausbekommen. Sie studiert Tourismus, wie 60% aller Studenten, die ich hier kenne (ausser in meinem Haus, da studiert das keiner). Allerdings war der Austausch der Nummern gar nicht noetig: Am Samstag zwei Tage spaeter bin ich mit den anderen Voluntaeren in die Disko Mr. Sam gegangen. Auf dem Weg ruft es auf einmal "Hola Tim!" Ich brauch nicht zu erwaehnen, wer da zufaellig mit zwei Freundinnen stand. Zur Berechnung der Wahrscheinlichkeit: Guayaquil hat 2-3 Millionen Einwohner und bestimmt 50-100 Diskotheken. Die drei waren von einem Freund versetzt worden, schlossen sich uns an und es wurde ein sehr netter Abend. Die Ausgeherlaubis der Minderjaehrigen endete um 1, wir Voluntaere blieben noch bis kurz nach 3. Als ich hinterher den anderen das Alter erzaehlte, waren die sprachlos, sie haetten sie auch fuer viel aelter gehalten (und die anderen Voluntaere hier sind alle um die 18/19).

Damit sind wir auch schon beim Thema: das Alter in Ecuador. Ein Freund hat frueher immer erzaehlt, das ideale Alter einer deutschen Frau muss 23 sein. Wer juenger ist, fuehlt sich geschmeichelt, wenn sie aelter geschaetzt wird. Wer aelter ist, fuer die gilt das Gegenteil. Hier ist das etwas anders. Die Dame oben links neben mir (oranges Top) musste ich am Donnerstag Abend schaetzen, eine undankbare Aufgabe, mann verliert dabei immer (typische lose-lose-Situation). Die 23-Regel im Kopf und schon etwas auf Lateinamerika heruntergerechnet sage ich also: 21.

Pustekuchen! Ich ernte einen entruesteten, fassungslosen Blick, ein Kopfschuetteln und den Ausschrei: 19! Fuer meine Begriffe war ich doch eigentlich sehr nah dran. Das ideale Alter muss hier also 19, vielleicht noch 20 sein, danach gehoert man zum alten Eisen. Ich habe das meinen Gastbruedern erzaehlt, nachdem sie in etwa verstanden hatten, was ich meinte, haben sie mir das bestaetigt. Auch die Kandidatinnen fuer die Miss Guayaquil, heute alle einzeln in der Tageszeitung "El Universo" vorgestellt, sind alle 19 oder 20, eine (wahrscheinlich chancenlos...) ist 24.

Filmstar II: Eine Schulklasse von vielleicht 15-jaehrigen Maedchen tuschelte neulich mal wieder ueber mich, und als wir dann ins Gespraech kamen, hoerte ich "Mister Venezuela" heraus. Ich wusste nicht, wen sie meinten, auf Nachfrage meinten sie wirklich mich. Sie wollten auch unbedingt, dass ich die Gruppe im Zoo begleite, was ich dann ja tun musste. Natuerlich habe ich hinterher im Internet recherchiert, wie Mister Venezuela denn aussieht. Keine grosse Aehnlichkeit, ausser vielleicht der Groesse und der hellen Hautfarbe...

Mister Venezuela

Frischzellenkur: Ein angenehmer Nebeneffekt des unterschiedlichen Altersgefuehls ist, dass ich hier von allen viel juenger geschaetzt werde, auf Anfang 30 vielleicht. Eine Verwandte der Familie hier hat einmal scherzhaft gesagt, das liege am kalten Klima in Deutschland (oder umgekehrt ausgedrueckt: unter der Aequatorsonne altert man schneller). Und da ich die meiste Zeit mit sehr viel Juengeren zusammen bin, kommt es mir vor, als ob ich meine Jugend nachhole und/oder noch einmal erlebe. Dazu die total stressfreie suedamerikanische Einstellung: Wenn das keine Frischzellenkur ist!