Translate

Sonntag, 1. Oktober 2006

Alltag in Ecuador II

Lieblingsthema Wahl Miss Guayaquil und ein Schlauch Zahnpasta

Da im Augenblick ausser einer komplizierten Liebelei bei mir nicht viel passiert, kann ich mal wieder über ein paar Dinge des Alltags hier in Ecuador berichten. Von AFS erhalte ich z.B. monatlich einen Scheck für meine Fahrtkosten (letzten Monat 11,75 $), also fange ich mal an mit den

Banken in Ecuador

Daueraufträge oder Lastschriften scheinen hier entweder noch nicht erfunden zu sein, oder extrem unüblich. Gestern hat mir Richard erzählt, er muss noch einige Besorgungen machen, u.a. die Strom- und die Wasserrechnung bezahlen. Einmal war unser Internetanschluss (für die ganze Firma!) eine Woche gesperrt, weil die Rechnung zu spät bezahlt wurde. Da ist meine Gastfamilie aber kein Einzelfall, bei anderen Familien war deswegen z.B. schon mal das Telefon für ausgehende Anrufe gesperrt. Wenn man eine Bank besucht, ist die deshalb immer gut gefüllt, gestern standen 30 Wartende in der Schlange vor mir, oft kommt man gar nicht rein, weil die Schlange bis auf die Strasse steht. Geldautomaten gibt es aber wie bei uns, die meisten funktionieren sogar mit unserer ec/maestro-Karte (wenn man weiss, was man im englischen Menu auswählen soll: Abhebung vom debit, saving oder checking account, ich habe mich irgendwann für checking account entschieden, weil ich das noch am ehesten mit Girokonto verbinde). Wenn ich mir überlege, dass ich ausser bei den Vorbereitungen für mein Sabbatjahr in den letzten 5 Jahren kein einziges Mal an einem Bankschalter war, sondern alles über Internet und Geldautomaten geregelt habe, muss ich hier doch schmunzeln. Das Warten in der Schlange ging dann übrigens überraschend schnell, da es immerhin das System Eine-Schlange-für-vier-Schalter schon gibt. So konnte ich kaum mit den zwei Frauen vor mir schnacken, die immer belustigt zu mir nach oben geguckt haben, kam nach 15 Minuten schon ran - und musste feststellen, dass hier mal einer der wenigen Fälle war, wo meine schöne Farbkopie des Reisepasses als Legitimation zur Scheckeinlösung nicht ausreichte, also muss ich nächste Woche nochmal mit dem Original-Pass antreten. Ach, und die freundlichen Sicherheitskräfte mit 5-10 cm dicker kugelsicherer Weste und Waffe vor und in der Bank fallen mir schon gar nicht mehr auf.

Geburtstagstorten

Gestern hatte Annika Geburtstag und wir waren bei ihrer Familie zum Feiern eingeladen. Ohne ihrem Bericht darüber vorgreifen zu wollen, sind zwei Sachen hier etwas anders als bei uns: die Geburtstagstorte wird hier oft dermassen angeschnitten, dass zuerst ein kleiner Kreis in der Mitte der Torte geschnitten wird. Die Tortenstücke werden dann um dieses Stück herum abgeschnitten, der Kreis bleibt als letztes Stück übrig. Auf meine Nachfrage hin hat das wohl keine besondere Bedeutung, macht auch jeder anders hier, habe ich aber schon bei verschiedenen Anlässen beobachtet. Und zweitens wird das Geburtstagskind, wenn es die Kerzen nicht vollständig ausbläst (und das schafft man nicht, da es auch hier diese Scherzkerzen gibt, die nach dem Ausblasen einfach wieder angehen), mit Mund und Nase in die Torte geditscht, zum Anbeissen der Torte...

Zeitungen

Die seriöseste Zeitung hier heisst El Universo, die lese ich oft im Bus. Das Universum besteht aus täglich immerhin einer internationalen Seite, die Nachrichten aus Deutschland waren in letzter Zeit sehr rar: Die Reaktionen auf den Papst-Besuch in Deutschland mit Mohammed-Zitat und die Absage der Mozart-Oper "Idomeneo" in der Deutschen Oper Berlin, viel mehr kam nicht. Aber diese Themen interessieren hier in Südamerika auch nicht so, und so wird sehr viel Lokales berichtet und über Tage und Wochen ausgebreitet. Z.B. die Wahl der Miss Guayaquil, die gestern stattfand und wo die letzten 14 Tage täglich eine der Kandidatinnen im Interview vorgestellt wurde, neben zig Berichten, wo die Kandidatinnen täglich wieder aufgetreten sind. Wenn eine Misswahl abgeschlossen ist, fängt die nächste gleich wieder an: In den letzten zwei Monaten gab es die Wahlen: Miss Panamerika (alle Länder Amerikas, Wahl war in Guayaquil), Miss Bananamerika (den richtigen Titel habe ich wieder vergessen, zugelassen waren nur die Schönheitsköniginnen der Bananen-exportierenden Länder), Miss Afroecuador (Wahl der schönsten Schwarzecuadorianerin, die natürlich aus Esmeraldas, der Schwarzenhochburg, kam), Miss Guayaquil, und berichtet wurde auch über Miss Quito und die Vorbereitungen zur Wahl von Miss Duran (Nachbarstadt von Guayaquil, vergleichbar mit Potsdam/Berlin). Dann gibt es JEDEN Tag eine Fotoseite mit 15-20 Farbfotos von Partys, Geburtstagen, Hochzeiten, Jubiläen und Familientreffen des Vortages. Ich bin gespannt, ob heute Annikas Geburtstag auch drin steht :o) .

Bei den Fotos steht übrigens immer der Name unter den Bildern, ob es Strassenarbeiter für den Bau der neuen Metrovia sind, oder Todesopfer vom letzten Massen-Verkehrsunfall, da werden dann oft noch die Nummernschilder gleich mit angegeben. Datenschutz gibt's nicht.

Die Arbeiter im Zoo (Fleischhacker, Handwerker, Käfigreiniger) lesen aber lieber eine Boulevard-Zeitung mit Bildern, gegen die das Bild-Zeitungs-Modell von Seite 3 in Deutschland wie eine Nonne erscheint. Über mehrere Seiten, meist noch mit einer Foto-Story, werden hier die Mädels aus Kolumbien, Brasilien oder Venezuela ausgiebigst vorgestellt. Die Zeitung hat ein Tarn-Deckblatt mit "normalen" Blut-Nachrichten, darunter das eigentliche Deckblatt mit den Mädels, damit das Lesen nicht zu peinlich ist. Ist aber gar nicht nötig, das Lesen IST hier keinem peinlich, und die Foto-Storys werden auch gerne von Frauen gelesen.

Körperpflege und Friseur

Einige Sachen sind hier ungewohnt, Zahnpasta gibt es z.B. ausser in Tuben auch in Schläuchen (s. Bild oben). Duschgel ist hier eine Rarität, sehr teuer (3$), meist importiert und mit ausführlicher Anleitung: "Auf einen Schwamm oder Waschlappen auftragen und damit den Körper einmassieren", gekauft wird Seife.

Während Ecuadorianer z.B. beim Sonntagsfrühstück, das im Schlafanzug eingenommen wird (selbst wenn Besuch aus Deutschland wie ich dabei ist...), die Körperpflege nicht an erste Stelle setzen, ist das ganz anders, wenn man abends ausgeht. Auf einmal werden selbst die Jungs aktiv, duschen um die Wette, rasieren sich, bügeln Hemd und Jeans, putzen Zähne und Schuhe, benutzen teures Parfum. Es kommt mir vor, als ob es um die eigene Hochzeit geht, und die Wartezeiten, bis Mann fertig ist, stehen denen der Frauen um nichts nach. Zum Schluss nochmal die gegenseitige kritische Kontrolle, ob die Ärmel so richtig sitzen oder vielleicht lässig hochgekrempelt werden sollten (was den Bügeleffekt in Sekunden wieder zunichte macht).

Gespart wird dagegen gerne beim Friseur. Als ich meine Brüder danach fragte, ob der Friseur im Einkaufszentrum zu empfehlen sei, sagten sie nur, der koste 8$, viel zu viel. Ich habe lieber nicht erwähnt, dass ich in Berlin immer 20 Euro, also 25$ zahle. So bin ich also eines Nachmittags von Teresa zu einer Friseuse vier Blöcke weiter geführt worden. Von aussen nicht richtig als Geschäft erkenntlich, tritt man ein wie in eine Privatwohnung, steht aber sofort im Salon. Statt mir aufwändig das Haar-und-Frisuren-Spanisch anzueignen, habe ich schlau ein Passfoto mitgenommen, was kurz nach einem Friseurbesuch in Berlin aufgenommen wurde. Die Friseuse, eine nette alte Mutti, die zwischendurch viel telefoniert und sich mit ihrem im Geschäft sitzenden Mann (Vetter, Bruder?), sowie ihrem behinderten Sohn unterhalten hat, nickte fachmännisch, hat mir aber viel zu kurz auf das Foto geschaut. Und so ist dann ein komischer Bart-Simpson-Schnitt herausgekommen, hinten kurzrasiert, Oberhaar lang. Ich vermute, die Friseuse hatte einfach keine Lesebrille für das Foto (übrigens gibt es hier in Ecuador auffällig wenig Brillenträger, sind die vielen Fruchtsäfte wirklich gut für die Augen, oder die Brillen einfach nur für keinen bezahlbar?). Naja, hat dafür nur 3$ gekostet und schon alleine das hat bei meinen Brüdern anerkennende Bewunderung ausgelöst, die fahren für einen 2,50$-Schnitt nämlich immer durch die halbe Stadt, mit entsprechendem Zeit- und Fahrgeld-Mehraufwand.

Berichten kann ich noch über Ärzte, Krankenhäuser, Einwohnermeldeämter, Verkehrspolizisten, den Wahlkampf für die Präsidentschaftswahl in zwei Wochen und natürlich immer wieder über Busse. Aber es sind ja noch ein paar Wochen Zeit.

Update Waschmaschine: Nach einer wilden Rattenjagd in der Küche mit drei Labradoren, einer Waschmaschine (in die die Ratte geflüchtet ist) und einem Besen (mit dem die Ratte in der Maschine letztlich von Richard erlegt wurde, nachdem sie nicht rauszuschütteln war), ist die Waschmaschine mal wieder kaputt - Handwäsche bin ich ja schon gewohnt...

Liebe Grüsse nach Deutschland!