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Dienstag, 17. Oktober 2006

Sorglosigkeit in Ecuador

Salinas, der schönste Strand Ecuadors?

Was ist der markanteste Unterschied zwischen der ecuadorianischen und der deutschen Mentalität? Warten und Spontaneität wurde schon oft erwähnt und passt auch. Anders ausgedrückt ist es für mich das Planen und Vorausdenken der Deutschen und die spontane Sorglosigkeit der Ecuadorianer, und beides wird von dem jeweiligen System unterstützt.

Ein Beispiel: gestern am Sonntag war ich mit Annika einen Tag am Strand von Salinas, ca. 2 Busstunden von Guayaquil entfernt. Was würde man dafür in Deutschland wahrscheinlich tun?
  1. Busverbindungen für Hin- und Rückfahrt heraussuchen (Fahrplan, wann fährt ein Bus?), eventuell Platz reservieren. Und
  2. Reiseproviant für die Fahrt (Stullen, Kekse, Obst) einkaufen und vorbereiten.

Wir sind das zum grossen Teil ecuadorianisch angegangen: Da es hier eh keine Fahrpläne oder Liniennetze gibt, haben wir uns um 8:00 früh am zentralen Busbahnhof verabredet. Es war Präsidentenwahl, schon 2 Tage vorher ab Freitag galt das ley seca, die Sperrstunde in Ecuador: kein Alkoholausschank in Kneipen, Restaurants, Diskotheken. Wir wussten nicht, ob es auch Einschränkungen im Busverkehr gibt, da auch keine Museen oder sonstige touristischen Einrichtungen auf hatten, es herrscht Wahlpflicht in Ecuador. Trotzdem riskierten wir es. Am Terminal angekommen sehen wir dann bei unserer Busgesellschaft (es fährt heute nur eine einzige nach Salinas) eine Schlange am Schalter von mehreren Dutzend Metern. Au weia, wahrscheinlich sind die nächsten Fahrten alle schon ausverkauft und wir kommen hier erst mittags los. An diesem Tag reisen nämlich viele Ecuadorianer zum Wählen in ihre Heimatstadt, wo sie gemeldet sind. Doch nun setzt das Prinzip der ecuadorianischen Sorglosigkeit ein: wir stehen erst einmal eine Weile herum und warten, was passiert.

Und schon nach einer Minute werden wir angesprochen, wir verstehen den Mann erst nicht, er redet etwas von einer Cola (bzw. Kola), was hier entweder Limonade, Warteschlange oder Schwanz bedeuten kann. Wir denken, er will uns eine Cola verkaufen. Dann geht er kurz weg, kommt nochmal wieder und setzt neu an: er meinte die lange Warteschlange, die wir mit einem Propina (Trinkgeld) von einem Dollar umgehen könnten, er würde uns Tickets verkaufen für die Busfahrt, die sofort als nächstes abfährt, er arbeite bei der Buslinie. Kurzer Blickkontakt mit Annika: handelt es sich um einen Trickbetrüger, der Touristen ausnehmen möchte? Der Mann sieht relativ harmlos aus und wir entscheiden uns für das Angebot. Und wirklich, der Mann kauft für uns an der Schlange vorbei zwei Tickets, schleust uns durch das Drehkreuz, begleitet uns zum Bus - und bekommt sein Trinkgeld. 5 Minuten später fahren wir los. Für vieles (alles?) gibt es in Ecuador mit Propinas eine Lösung.

Reiseproviant: Annika hat morgens zum Erstaunen ihrer Gastschwester 4 Stullen geschmiert, so viel Vorausplanung hat ihre Schwester noch nie vorher gesehen. Zusätzlich hatten wir noch vorher Kekse eingekauft. Die Brote waren lecker, aber im Bus gab es natürlich auch wieder alles zu kaufen von den fliegenden Händlern: frittierte Bananenspezialitäten, Kokossaft, Getränke usw. Der Ecuadorianer kauft im Bus, und die Sachen sind nicht viel teurer als im Supermarkt: die Trinkflasche Wasser 0,5l z.B. eisgekühlt im Bus für 25 Centavos, warm im Supermarkt für 18 Centavos. Irgendwann gegen Schluss der Fahrt sitzen nur noch 4 Leute im Bus und der Fahrer hat entweder keine Lust mehr oder darf nicht weiter fahren, er winkt uns raus zu einem Taxi, das er im voraus bezahlt und uns zum gewünschten Ziel, dem Strand von Salinas, weiterfährt. Das ist Kundenservice.

Die Rückfahrt gehen wir ähnlich sorglos an: um 18:00 haben wir keine Lust mehr auf Strand, laufen zur nächsten grossen Strasse, halten nach 1 Minute den nächsten Bus an, und fragen ob er nach Guayaquil fährt. Fährt er natürlich nicht, aber für 50 Centavos für beide fährt er uns zum Busbahnhof von La Libertad, der nächstgrösseren Stadt, wir steigen aus, der nächste Mann fragt uns "Guayaquil?" (manchmal denke ich schon, die Leute hier können Gedanken und Wünsche lesen), führt uns zum Schalter, wir kaufen die Tickets, steigen in den Bus, kaufen dem Händler noch 2 leckere Limonaden ab, und wieder geht es ohne Wartezeit gleich los. Irgendwie kundenfreundlich, bei diesem System braucht man auch einfach keine Fahrpläne, Liniennetze oder Reiseproviant. Ecuadorianische Sorglosigkeit...


Kerlly und ich, die Kleinste und der Grösste im Zoo

Ein weiteres Beispiel für spontane Freizeitgestaltung: Am Donnerstag vormittag fragt mich die Kollegin Kerlly im Zoo, Studentin, ob ich Lust hätte, heute eine Cocktailvorlesung zu besuchen. Die Studenten lernen bei Tourismus und Hotelwesen auch Kochen, und heute sei der Cocktail Piña Carebeña (ähnlich Piña Colada) dran. Und die Uni befände sich ausserdem in Urdesa, nicht weit von mir zu Hause. Klar, das lasse ich mir nicht entgehen, und so breche ich eine Stunde vorher als normal mit 4 Kolleginnen auf, treffe vor Ort noch auf ca. 15 weitere Damen und vielleicht 4 männliche Studenten. Der Professor ist Roman, ein ukrainisches Koch, vielleicht Ende 20, der neben spanisch auch deutsch, englisch, französisch und italienisch (und bestimmt auch russisch) sprechen kann. Wir stehen um eine grosse Granittheke herum und bereiten alles vor: die frischen Ananas werden klein geschnitten und mit der blossen Hand ausgepresst, die Süsse-Dickmilch-Dose mit einem Küchenmesser geöffnet, es wird 1/3 Rum, 1/3 Saft, 1/3 Dickmilch und zwei Teelöffel Zucker im Shaker gemixt, die Garnitur mit Cocktailkirsche vorbereitet und los geht das Probieren der Ergebnisse. Zwischendurch wie immer viele interessierte Fragen an mich, eine Studentin will wissen, ob ich spanisch verstehe und testet das zum Vergnügen aller mit dem Satz, was für schöne Augen ich hätte. Jaja, blaue Augen kennt man hier praktisch nicht. Und das nächste Mal bin ich doch wohl hoffentlich wieder dabei, da wird mexikanischer Salat zubereitet? Naja, das kann ich ja dann wohl kaum noch abschlagen...

Mir geht's also weiterhin sehr gut hier, liebe Grüsse nach Deutschland!