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Samstag, 2. September 2006

Machismo - Busfahren

Annika beschreibt in ihrem Webtagebuch beim Thema Essen auch sehr anschaulich die typische Rollenverteilung in Suedamerika: Die Jungen sind Paschas und lassen sich bedienen, die Maedchen helfen beim Abwaschen. In meiner Familie ist das notgedrungen etwas anders: bei 11 Maennern und einer Frau, die nicht die Mutter ist, muessen andere Regeln gelten. Wenn die Jungs z.B. abends nach Hause kommen und sich ihr Essen vom Mittag (tagsueber kommt in der Woche eine Angestellte zum Kochen fuer die Familie und fuer die Mitarbeiter der Firma) in der Mikrowelle selber warmmachen, raeumen sie hinterher auch alles wieder ab und spuelen ihr eigenes Geschirr. Abends kocht Richard oft ein zweites Mal fuer die ganze Truppe (z.B. Sandwiches mit Spiegelei, oder Hamburger), wobei dann jeder mithilft oder zumindest seelischen Beistand leistet und in der Kueche herum steht. Seit einer Woche funktioniert auch die Waschmaschine wieder. Bei meiner Ankunft vor 5 Wochen wurde mir die Maschine zwar gezeigt, aber ein Teil war kaputt, dass "mañana" repariert werden sollte. "Mañana" heisst eigentlich "morgen", hat hier aber eine recht grosse Bandbreite. Es kann heissen "nie", "bald", "spaeter" und heisst eigentlich im seltensten Fall wirklich "morgen". Trotzdem (oder gerade deshalb!?) ist das Wort bei Ecuadorianern sehr beliebt. Wenn man also z.B. sein verliehenes Geld mañana wieder zurueck bekommen soll, kann man es komplett abschreiben. So habe ich also die ersten vier Wochen auf lauwarme Handwaesche umgestellt und jetzt ein viel innigeres Verhaeltis zu meiner Kleidung. War schon mal eine gutes Training fuer Uganda.

So habe ich heute zur Abwechslung mal nicht die Blicke der kleinen Maedchen auf mich gezogen, sondern die zwar belustigten, aber auch anerkennenden Blicke der aelteren Hausfrauen, als ich nach meinem Einkauf im Hypermarkt mit einem 5kg Waschpulverbeutel nach Hause lief. Ein Mann mit Waschmittel in der Hand, das hat hier wohl auch noch niemand gesehen. Auch beim Projektmanagement faellt meine Familie aus der Reihe. Ist Planung ueber den heutigen Tag hinaus in Ecuador sonst recht wenig verbreitet, so gibt es in meiner Familie einen Plan fuer die Benutzung der Waschmaschine. Ich teile mir den Freitag mit Teresa.

Gegoogelt: typischer Bus in Guayaquil


Ueber das Busfahren in Ecuador koennte man alleine ein ganzes Buch schreiben. Bisherige Artikel:

Ich beobachte immer ganz gerne den Fahrer. Er sitzt auf einem am Boden festgeschraubten Gartenstuhl, so einem Blechgestell, das mit blauem Plastikfaden bespannt ist. Um der Gurtpflicht zu genuegen, hat sich ein Fahrer mal an die obere Ecke der Rueckenlehne eine Art Rucksacktraeger geknotet. Das untere Ende des Gurts hatte keinen Verschluss, das ist aber hier auch nicht noetig. Vor einer vermuteten Polizeikontrolle wird der Gurt zum Zeichen des guten Willens einfach lose ueber die Brust gehaengt, das reicht vollkommen aus. Oft hat der Busfahrer ein bis zwei Helfer. Einer, der Opa der Familie, sitzt in der ersten Reihe hinter der Tuer, lehnt sich aus dem offenen Fenster und ruft bei jeder groesseren Menschenansammlung auf dem Buergersteig die drei naechsten Bezirke nach draussen, die der Bus anfahren wird. Die Bezirke sind hier kleiner als bei uns, so dass diese Ziele tatsaechlich eine ziemlich genaue Routenbeschreibung wiedergeben und man maximal 5 Minuten nach Hause laufen muss, wenn man im richtigen Moment aussteigt. Gleichzeitig winkt der sich herauslehnende Opa die einsteigenden Fahrgaeste in den Bus, eine meiner Meinung nach ueberfluessige Geste. Hinter dem Fahrer sitzt oft ein kleiner Junge, wahrscheinlich der Sohn, und regelt die Herausgabe des Wechselgeldes. Die Kasse des Busses erinnert an einen flach liegenden Holzsetzkasten, in den einzelnen Faechern liegen abgezaehlt jeweils 25 Centavos als Wechselgeld. Ueber der Windschutzscheibe haengt ein Jesuskreuz, ein Rosenkranz und/oder ein religioeser Spruch, in der Mitte der Windschutzscheibe sind zwei Ecuador-Faehnchen mit Saugnapf festgemacht, wie bei der WM in Deutschland, halt nur fuer innen. Wenn der kleine Junge mal nicht da ist, macht der Fahrer alles alleine mit der rechten Hand: den Schaltknueppel bedienen, Geld annehmen, Wechselgeld heraussuchen, alles waehrend der Fahrt natuerlich. In Guayaquil gibt es keine U- oder S-Bahn, selbst die neue Metrovia ist nur ein Bussystem, allerdings mit eigener Spur und bahnhofaehnlichen Haltestellen. In der Innenstadt ist damit der Bus das Hauptverkehrsmittel, in den Hauptstrassen sieht man staendig mindestens 10 Busse gleichzeitig.