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Sonntag, 26. November 2006

Alltag in Ecuador IV

Es gibt noch einiges zu schreiben über die kleinen Dinge des Alltags hier, wie stehen die Ecuadorianer z.B. zu

Handys?

Im Zoo arbeite ich ja mit vielen Leuten um die 20 zusammen, und jeder von ihnen hat ein Handy, einige sogar zwei. Das liegt daran, dass es hier zwei grosse Mobilfunknetzanbieter gibt, nämlich Porta und Movistar. Die meisten haben ein Handy mit Prepaid-Karte, die Gespräche innerhalb eines Netzes sind wesentlich billiger, als von einem Netz zum anderen, und viele kaufen sich für z.B. 2$ ein SMS-Paket für 120 SMSen dazu, die nur innerhalb des Netzes benutzt werden können. Eine SMS von Netz zu Netz kostet dagegen 7 Centavos. Die Handys kosten von 30$ in einfachster Ausführung bis zu 200$ in aktuell gängiger deutscher Ausführung mit Farbkamera, Video und grossem Display. Meine Familie hat mir eins für 30$ geliehen, fast alle anderen haben das Standardmodell für 200$! Ich frage mich, wie das bei den hier üblichen Arbeitslöhnen von 1$ die Stunde finanziert werden kann, ein Student muss hierfür alleine ca. 2 Monate lang arbeiten (hat mir Viviana erzählt, die im Moment für 2 Monate nicht mehr erreichbar ist, da ihr Handy im Reisebus gestohlen wurde. Schlimmer für sie ist noch, dass sie nun auch kein Adressbuch mehr hat, da alle Daten im Handy gespeichert waren). Von einem Netz ins andere wird hier grundsätzlich nicht telefoniert, und auch praktisch keine SMSen geschrieben. Dafür leiht man sich dann das Handy eines Freundes, der das gewünschte Zielnetz hat. Oder man hat halt zwei Handys, ein Porta und ein Movistar. Telefoniert wird auf dem Handy übrigens eher selten, meist ist nämlich kein Saldo mehr vorhanden, nur noch das SMS-Paket.

Mein Leihhandy hat Movistar, und damit bin ich ganz schön ausgeschlossen. Alle Movistar-Besitzer schwören zwar darauf, dass Movistar viel besser und billiger ist. Aber das ist wie bei Windows und Macintosh (obwohl Macintosh nicht billiger ist, der Vergleich hinkt also etwas): Porta hat sich trotzdem durchgesetzt und ist Marktführer. Somit schreibe ich zwar immer brav und fleissig viele SMSen an meine vielen Kontakte im Telefonspeicher, bekomme aber fast nie eine Antwort (ausser von Annika und Enrico, den deutschen Voluntären). Aber für den restlichen Monat lohnt sich jetzt der Umstieg von Movistar auf Porta auch nicht mehr...

Pünktlichkeit und Uhren

Das wird ja oft erwähnt, dass Südamerikaner immer zu spät kommen und keine Uhren tragen. Da muss ich mal eine Lanze für die Ecuadorianer brechen. Bei allen Verabredungen, die ich mit 1 oder 2 weiteren Ecuadorianern hatte (also Treffen von 2-3 Personen), waren die Ecuadorianer sehr pünktlich oder haben sich vorher kurz telefonisch gemeldet (sogar netzübergreifend!), dass sie etwas später kommen. Etwas anders ist es bei Familienfeiern oder Gruppentreffen. Da kommen die Gäste schon mal gerne 1-1,5 h zu spät. Aber der Rekord wird wohl von den nicht-ecuadorianischen (und nicht-deutschen) Voluntärinnen gehalten, in Guayaquil von der US-Amerikanerin Christine, die grundsätzlich zwischen 45 Minuten und 3,5 Stunden zu spät kommt.

Uhren werden hier wirklich seltener als bei uns getragen, was aber nicht heisst, dass die Menschen kein Interesse an der Zeit haben, im Gegenteil. Als Uhrenträger werde ich oft gefragt, wie spät es ist. Wahrscheinlich sind die Menschen dann nur zu faul, ihr Handy herauszuholen... Und wenn es um die Mittagspause oder den Feierabend geht, wissen alle ganz genau, wie spät es gerade ist.

Worte in die Tat umsetzen

Gabi aus Cuenca hat ein nettes Lieblingszitat auf hi5 (und das bezeichnenderweise auf deutsch!): "Es ist nicht genug zu wollen, man muss auch TUN!". Das passt ganz gut zu Ecuador, wie oft habe ich erlebt, dass grosse Dinge besprochen oder angekündigt wurden (Reisen, Pläne fürs Wochenende, Geschenke, Aktivitäten), die dann sang- und klanglos nicht stattfanden, aber auch ohne dass dafür eine Absage gemacht worden wäre. So war ich in Gedanken schon in Riobamba auf dem Dach des sagenhaften Andenzuges um die Teufelsnase unterwegs, Fallschirmspringen an den Andenhängen, auf einer Studentenprojektreise in Guaranda (dem Rom Ecuadors), stolzer Besitzer eines Ecuador-Fussball-Nationaltrikots, auf dem Konzert der legendären Salsaband Gran Combo in Duran und auf der Affeninsel im Amazonasdschungel. Alles super Ideen (ok, dem Fallschirmspringen habe ich nicht ganz getraut...), die teilweise wochenlang vorher geplant wurden und über die auf einmal keiner mehr geredet hat. Oder Geburtstagspartyeinladungen, über deren Details mir noch Bescheid gegeben wird. Liegt das wirklich nur daran, dass ich Movistar habe?

Ich glaube, das ist ein grundlegender Mentalitätsunterschied hier im Vergleich zu Deutschland, genauso schnell, wie neue Ideen enthusiastisch auf den Tisch kommen, werden alte unvollendet nicht mehr weiterverfolgt, und das ganze unter Spontaneität verbucht. Ist im Prinzip ja auch nicht schlimm, wenn man nur rechtzeitig darüber informiert werden würde. Aber das wird hier anscheinend als Hol-, nicht als Bringepflicht angesehen.

Am heutigen Sonntag gibt es die Stichwahl um das Präsidentenamt. Mal sehen, wie die Politiker ihre Worte hinterher in die Tat umsetzen...

Liebe Grüsse nach Deutschland aus dem vorweihnachtlichen Guayaquil, hier stehen bei 30ºC schon überall die (künstlichen) Weihnachtsbäume und das Wettrüsten der Weihnachtsmänner und Lichterketten in den Vorgärten hat auch schon begonnen!