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Samstag, 18. November 2006

Eine Woche Cuenca

Ingapirca - Ruinen der Inkas und Cañari

Diese Woche verbringe ich in Cuenca, alle Voluntäre der Küste haben für eine Woche in Familien in der Sierra (Anden) getauscht und umgekehrt. In dieser Woche müssen wir nicht arbeiten. Meine Familie besteht aus den beiden Eltern Maria Eugenia und Alfredo, sowie den Söhnen José Luis (4), Juan Alfredo (10) und der Tochter Angelica (18), die gerade ein Austauschjahr mit AFS in Deutschland verbringt. In ihrem Zimmer bin ich untergekommen, die Familie ist sehr nett und versorgt mich mit allem: Essen, Fahrten in die Innenstadt, Vermittlung von weiblichen Singles (die beiden reizenden Mitzwanziger Gabriela und Andrea, erstere kann nach einem Austauschjahr in Deutschland perfekt deutsch sprechen) zum abends Ausgehen, Vermittlung eines Ganztagesausfluges in den Nationalpark Cajas mit befreundeten Führern. Alfredo hat eine Ranch mit 9 Pferden und fährt Rallyes, die Kinder sind pferdebegeistert (Springreiten, Rodeo) und spielen Fussball und Schach.


Cuenca - Azulejos (Kacheln) Strassenschilder wie in Andalusien

Cuenca hat einige Abwechslung gebracht. Die erste Umstellung war das Wetter in der Sierra. Von der Küste kannte ich nur täglich konstantes Wetter, jeden Tag 30°C, seit Juli nur einmal nachts eine Andeutung von Regen, die Abwechslung bestand darin, dass der Himmel manchmal bedeckt und manchmal ganz klar war. Hier hatten wir bei der Ankunft auf einmal Regen, und zwar richtigen deutschen Dauerregen, und nur noch 15°C. Das Wetter wechselt hier ständig, es kann vormittags schönster Sonnenschein mit Sonnenbrandgefahr sein und eine Stunde später kalt und Regen. Allerdings hat in der Sierra schon Anfang November die Regenzeit begonnen, die an der Küste erst im Dezember los geht. Einen Schirm hatte ich zum Glück mit, eine dickere Jacke für Ausflüge in die Berge wurde mir von der Familie geliehen.

Nationalpark Cajas mit Annika und Tim (Australien)

Die zweite Umstellung: Cuenca ist eine hübsche, saubere, ruhige Kleinstadt (mit 350.000 Einwohnern die 5-grösste Ecuadors), die Menschen sprechen deutliches Spanisch (ausser dem "rr", das hier eher wie "rjsch" gesprochen wird) und legen viel Wert auf Kultur. Die Küste ist dagegen heiss, laut, hässlich-modern, die Menschen sprechen schnell und unverständlich und essen genauso schnell. Die Bewohner der Küste werden deshalb als monos - Affen - bezeichnet. Die Familien in der Sierra haben mehr Hausangestellte, als ich es bisher an der Küste erlebt habe.

Da die Familie in der Woche gearbeitet hat und die Kinder in der Schule waren, habe ich mit Annika und dem anderen Tim viele Ausflüge gemacht: nach Ingapirca (Ruinen der Inkas und Cañari, letztere waren die Ureinwohner in dieser Andenregion, bevor für ca. 70 Jahre die Inka die Herrschaft übernahmen, dann kamen schon die Spanier), die Thermen von Baños (Cuenca) und gestern in den Nationalpark Cajas mit Wanderung, Freilichtmuseum und Forellenfischen. Die Wanderung auf 3.500 m Höhe war sehr anstrengend, zudem hat mittendrin der Dauerregen angefangen und auf den nassen Matschwiesen an den Berghängen sind wir alle mehrfach ausgerutscht. Naturgewalten in Reinform... Die beiden Führer Andres (seiner Familie gehört der Freizeitkomplex mit Forellenzucht) und Alexandra haben das alles mitgemacht und sich reizend um uns gekümmert.



Nationalpark Cajas bei Sonnenuntergang

Die Woche war sehr komprimiert, u.a. gab es eine Expressentführung eines reichen Unternehmers, dem Onkel von Alfredo. Montag abend entführt, die Forderung soll zwischen 1 und 2 Millionen Dollar gewesen sein, zwei Tage Verhandlungen, dann gab es einen Geldtransport der Bank im Panzerwagen in unbekannter Höhe, der Wagen wurde mehrmals umgeleitet (sollte auch mal kurz nach Guayaquil fahren) und Freilassung dann in der Nacht zum Donnerstag. Meine Familie war natürlich sehr besorgt, aber auch ruhig, man konnte ja nicht helfen. Der Geisel geht es den Umständen entsprechend gut, es war die erste Entführung in der Familie.


Maria Eugenia zeigt mir die Hacienda

Dann war ich bei zwei Familientreffen bei mir und bei Annika eingeladen, interessant beim ersten die zwei Diener, die einem ständig Whiskey oder Cola gebracht haben, und zwei völlig getrennte Gesprächskreise: zuerst war ich als einziger Mann bei den Frauen "verirrt", die sich über die festen Freunde der Töchter und Rezepte unterhalten haben, dann wurde ich zu den Männern gewunken, die ausschliesslich über Motocross und Autos geredet haben. Bei der zweiten Feier gab es nur einen Gesprächskreis, es ging um die bevorstehenden Präsidentschafts-Stichwahlen, wobei die Politik nicht erwähnt wurde, sondern ob die Kandidaten sympathisch wirken und vor allem, was deren Ehefrauen machen. Es war schon spät, Annika und ich waren durch den Cajas-Ausflug sehr müde, und ich machte dann den Fehler, nach der Bedeutung von 2 blauen Plastik-Armbändern zu fragen, die zwei der älteren Damen trugen. Das waren tatsächlich all-inclusive-Armbänder von dem DomRep-Urlaub vor einem Jahr, die als Andenken an die schöne Zeit immer noch getragen wurden. Fehler deshalb, weil sich der Aufbruch (und meine Mitfahrgelegenheit nach Hause) dadurch um ca. eine halbe Stunde verzögert hat...


Alfredo junior und senior trainieren Polo, Alfredo senior war mit 14 einer der besten Polospieler Ecuadors

Heute nachmittag geht es auf die Hacienda meiner Gastfamilie und morgen wieder zurück ins warme Guayaquil. Liebe Grüsse zurück nach Europa!

Weitere Bilder von Cuenca (die ganze Innenstadt steht unter Weltkulturerbe) und der Familie gibt es hier.