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Mittwoch, 8. November 2006

Alltag in Ecuador III

Ich habe ja noch verschiedene Themen des Alltags versprochen, fangen wir mal an mit meinem Lieblingsthema, den

Bussen. Ständig können kürzere Unterbrechungen auftreten: Ich habe Fahrer erlebt,
  • die auf die Tankstelle gefahren sind und es sich im letzten Moment doch noch anders überlegt haben,
  • die ausgestiegen und an einem Wasserhahn ihre Trinkflasche aufgefüllt haben,
  • die den Bus wegen geringem Reifendruck geräumt haben, in diesem Fall bekommen alle Fahrgäste ihre 25 Centavos Fahrgeld wieder ausgezahlt.

Die fliegenden Händler fragen den Busfahrer immer nach Erlaubnis und bestechen ihn auch schon manchmal mit den angebotenen Produkten, wie einer Mandarine oder Bonbons. Bonbons werden immer an alle Fahrgäste mit 5-6 Stück auf die Hand ausgeteilt, dann werden sie angepriesen und im zweiten Durchgang wird entweder das Geld (25 Centavos Standardpreis) oder die Bonbons wieder eingesammelt. 25 Centavos ist auch der Bus-Standardpreis für:

  • Eis am Stiel,
  • 5 Mandarinen,
  • 10 in Plastik verschweisste Ciruelas (das sind kleine saure, grüne Pflaumen, die mit Salz gegessen werden, beim ersten Mal widerlich sauer, ab dem zweiten Mal schmecken die richtig gut...),
  • 2 Schokoriegel,
  • eine Halbliter-Wasserflasche,
  • Pan de Yuca (ein Yukawurzelgebäck)
und sicherlich noch vieles mehr.

Bei den Überlandbussen werden Wünsche bei den angebotenen Filmen angenommen, bei der Fahrt nach Quevedo haben wir z.B. eine Cran-Combo-DVD (Kultgruppe aus Puerto Rico, vergleichbar Buena Vista Social Club) von Narcisa einlegen lassen und uns das Musikvideo angeschaut.

Die Ärzte und Krankenhäuser sind hier erstmal nicht gross anders als bei uns, Guayaquil ist damit z.B. sehr gut ausgestattet. Ich habe es ausprobiert, als mein Innenohr im September einmal geblutet hatte und ich nicht wusste, ob nicht vielleicht eine exotische Spinnenart seine Eier bei mir abgelegt hat. Also bin ich zur AFS-Vertrauensärztin, die erst ab 16:00 nachmittags ihre Praxis öffnet (erster Unterschied) und einen dann persönlich in der Praxis empfängt, ohne Sprechstundenhilfe (zweiter Unterschied). Das Blut im Ohr hat ihr gar nicht gefallen, ohne Untersuchung hat sie mich gleich an einen Ohrenarzt verwiesen, der seine Praxis in einer Polyklinik hatte. Für die Überweisung hat sie kein Honorar genommen (dritter Unterschied). Auch dieser Arzt wird abends erst richtig aktiv, mein Termin war um 19:30. Dieser hatte eine Vorzimmerangestellte und konnte sich an einen AFS-Voluntär erinnern, den er mal vor 2 Jahren verarztet hatte. Mein Ohr hat er kurz gereinigt, zum Glück nur ein harmloses Furunkel festgestellt, und mir die morgens von Richard empfohlenen und von mir schon in der Apotheke gekauften Antibiotika und Schmerzmittel (vierter Unterschied, bei uns ist so etwas nicht frei verkäuflich) per Rezept bestätigt. Dann musste er für AFS noch ein einseitiges Formular ausfüllen, damit ich die Kosten hinterher erstattet bekomme. Die Viertelstunde Untersuchung hat dann 40$ gekostet, die ich bar gezahlt habe. Meine Familie und Richard, der ja selber vor ein paar Jahren praktiziert hat, fand das total überteuert, AFS hat mir das Geld aber ohne Murren erstattet. Ich glaube, die Arztkosten sind hier in den letzten Jahren extrem gestiegen: von umgerechnet 1,50$ Stundenhonorar 1995 auf fast europäisches Niveau heute.

Während die meisten Ecuadorianer recht unkompliziert sind, kann man das von den Behörden hier nicht behaupten. Praktisch seit unserer Ankunft müssen wir Voluntäre einen sogenannten Censo, entspricht einer Meldebescheinigung, bei der Ausländerbehörde beantragen. Die Unklarheit fängt damit an, was man für diesen Antrag alles braucht, es gibt dazu mehrere sich widersprechende Anleitungen (was z.B. die Zahl der Fotos betrifft), und der eigentliche Sachbearbeiter hat auch noch seine eigene Meinung dazu. Die Kopien des Miet- oder Kaufvertrages des Hauses des Gastvaters mussten bei Annika z.B. notariell beglaubigt werden, bei mir reichte die einfache Kopie. Nachdem wir Ende August alle notwendigen Papiere eingereicht hatten, sagte man uns, dass es leider zur Zeit keine Formulare gebe, um den Antrag vollständig zu prozessieren. Wir sollen uns am 20. September noch einmal melden. Da hiess es dann, durch die Präsidentenwahlen verzögere sich noch einmal alles, am 20. Oktober gab es immer noch keine Formulare (und das übrigens in ganz Ecuador, die Voluntäre in Esmeraldas haben das gleiche Problem), bis heute nicht. Auf der anderen Seite sollen einige Voluntäre, die den Censo im August zu spät beantragt hatten, eine Strafe von je 200$ zahlen (die natürlich durch ein Propina, ein Schmiergeld, auf ca. 10$ pro Person zu drücken ist).

Verkehrspolizisten sind auch Menschen und haben Brüder, so haben wir zufällig Marcelos Bruder getroffen, als wir nach dem Zoo unterwegs zum Bowlingspielen waren. Da die Zeit knapp war, hat uns die Streife kurzerhand von Miraflores zur Mall San Marino mitgenommen, eine Fahrt von 10 Minuten. Marcelo, Narcisa und ich sassen zu dritt auf der Rückbank, haben uns die auf der Ablage liegenden Mützen aufgesetzt, während die Streife kurz von einer Polizistin angehalten wurde. Es sei ein Verkehrsunfall aufzunehmen, ganz in der Nähe. Alles klar, aber erst wurden wir ganz in Ruhe nach San Marino gefahren und verabschiedet, der Unfall hatte Zeit...

Wahlkampf auf Mauern


Der Wahlkampf für das Präsidentenamt ist hier irgendwie anders als bei uns. Am 15. Oktober fanden die Wahlen statt. Man hat das Gefühl, dass es hier keine Parteien gibt, sondern nur Namen und Farben. Statt Plakatwänden werden hier Mauern und ganze Häuser in den Farben der jeweiligen Liste angemalt. Dann steht der Name drauf, die Listennummer, und meist davor noch "Vota todo" - "Wählt alle xy". Wahlprogramme kommen hier nicht vor, vielleicht in den Diskussionsrunden im Fernsehen, wo die 5 Kandidaten mit den grössten Chancen oft diskutiert und aus Protest auch schonmal die Veranstaltung verlassen haben. Die Veranstaltungen in den Strassen waren Fahnenumzüge, bei denen oft T-Shirts mit den Kandidaten verschenkt wurden, auch wieder ohne Wahlaussagen. Wie es sich für eine südamerikanische Wahl gehört, gab es am 15. Oktober zwar einen (überraschenden) Gewinner, Alvaro Noboa, der aber mit 27% keine ausreichende Mehrheit hatte, so dass am 26.11. eine Stichwahl gegen den Zweitplazierten, Rafael Correa, stattfindet. Noboa ist einer der reichsten Männer Ecuadors, der im Testament für das Bananenimperium seines Vaters nicht berücksichtigt wurde, sich den Grossteil aber trotzdem gerichtlich eingeklagt hat und dadurch Schlagzeilen macht, dass er die Kinder seiner Angestellten unentlohnt auf den Plantagen arbeiten lässt und die Mindestlöhne durch geschickte Zeitarbeitsfirmenmodelle unterläuft. Correa ist dagegen linkspopulistisch gerichtet, gegen das Freihandelsabkommen mit den USA und die Dollareinführung, will die Eigenheimzulage verdoppeln und ist im Gegensatz zu Noboa ein Mann der Sierra. In Ecuador herrscht übrigens Wahlpflicht, wer nicht wählt, muss eine Strafe zahlen, kann keinen Führerschein beantragen und hat andere Unannehmlichkeiten. Damit man sich in Ruhe seine Wahl überlegen kann, gibt es 48 Stunden vorher keinen Alkoholausschank in ganz Ecuador, selbst nicht für Touristen.