- Am Dienstag war ein Bild in der Zeitung von einem Taschendieb, der einer Frau die Handtasche geraubt hatte. Der aufgebrachte Mob hat den Dieb gestellt, die Kleidung bis auf die Unterwaesche ausgezogen, und hinterher ins Koma gepruegelt. Die Polizei konnte den Dieb schliesslich vor der Menge retten. Das ist schon wie eine Satire, in Deutschland ist es die Aufgabe der Polizei, einen Verbrecher zu stellen und zu verhaften, hier ist es ihre Aufgabe, sein Leben zu retten.
Weitere Beispiele aus der Zeitung zeigen, dass dies kein Einzelfall ist:
8.3.2007: Motorrad-Dieb vor der Steinigung gerettet
4.3.2007: verdaechtigtes Moerderpaerchen vom Lynchen gerettet
2.1.2007: mutmasslicher Einbrecher gekoepft
17.12.2005: Ziegendieb sollte verbrannt werden und ertrinkt auf der Flucht
7.11.2005: Motorrad-Dieb vom Lynchen gerettet - Am Donnerstag sass ich im Lehrerzimmer der Oberschule, als ein Kunstlehrer 6 Jungen hereinfuehrte. Es war mitten in einer Doppelstunde, die Schueler hatten den Mathe-Unterricht geschwaenzt. Sie mussten sich in der Mitte vor der versammelten Lehrerschaft aufstellen, dann begann das Tribunal: Wie koennt ihr mich ueberzeugen, dass ihr wirklich nicht wusstet, dass ihr gerade Mathematik habt? Wenn das wirklich der Fall ist, warum seid ihr dann nur Jungen und kein einziges Maedchen dabei? - Keine Antwort. Der Lehrer holt einen Stock hervor (einen Ast) und gebietet dem ersten Jungen, sich vornueber auf den Lehrertisch zu beugen. Ein anderer Lehrer ruft noch: Gib mir Trevor, den Aeltesten. Den moechte ich gerne bestrafen! Der Junge bekommt mehrere harte Schlaege auf seinen Hintern, dabei bricht jedes Mal ein bisschen mehr vom Stock ab, er verzieht aber keine Miene, bleibt cool. Ein Lehrer ruft: Pruefe nach, ob er nicht etwas Hartes hinten in der Hosentasche hat! Hat er aber nicht. Dann kommen die naechsten 4 Jungen dran, Trevor muss sich in der Zeit neben den anderen Lehrer stellen, der anscheinend eine persoenliche Rechnung mit ihm offen hat. Der letzte Junge weigert sich, sich vorn ueberzulehnen, er laesst sich nicht schlagen. Nun komm schon, sei nicht so wehleidig wie ein Maedchen! ruft eine Lehrerin. Der Junge bewegt sich keinen Millimeter. Dieser Junge und Trevor werden nun von den beiden Lehrern in ein anderes Zimmer gebracht, kurz darauf hoert man erst die Schlaege, danach wie ein Echo gedaempftes Stoehnen. Mit einem stolzen Macho-Grinsen schreiten die beiden Lehrer danach wieder ins Lehrerzimmer ein. Ihnen scheint der Lehrerberuf eine echte Erfuellung zu sein.
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Freitag, 23. März 2007
Was ist die gerechte Strafe?
Andere Laender, andere Sitten. Das Verstaendnis fuer gerechte Strafen ist hier in Uganda etwas anders als bei uns, hier zaehlt der Schmerz. Zwei Beispiele aus dieser Woche:
Donnerstag, 22. März 2007
Afrikanische Nacht
Meine beiden Kollegen Ronnie und Moses wohnen derzeit in dem Haus, ich nehme an, dass es den Standard von 80% aller ugandischen Haeuser repraesentiert. Ich werde hier gelegentlich schlafen, wenn ich sehr frueh zur Arbeit muss, oder am Wochenende spaet aus Kampala zurueckkehre (das Haus liegt viel naeher an Kampala als Entebbe).
Dienstag, 20. März 2007
Abschluss der Projektleiter-Schulung
Zuerst einmal muss ich nach dem letzten Artikel wohl eine Entwarnung herausgeben: Ihr muesst Euch keine Sorgen ueber meine Gesundheit machen, aus der Ferne hoert sich das alles viel schlimmer an, als es hier vor Ort wirklich ist! Die Mittelalterseuchen treten alle in Regionen auf, die weit entfernt von Kampala liegen, und ich habe alle erdenklichen Impfungen, selbst die knapp werdende gegen Meningokokken-Meningitis. Bilharziose tritt hauptsaechlich im Albertsee (nicht Virktoriasee) auf, wo eine bestimmte Art von Wasserschlangen, die nur in Schilfgewaessern auftritt, die Wuermer uebertraegt. Natuerlich schlafe ich unter einem Moskitonetz und kenne die Uebertragungswege von HIV sowie die Symptome der restlichen Krankheiten (eigentlich immer Fieber), gegen die man sich nicht impfen lassen kann. Ausser von AIDS und Malaria habe ich noch von keinen anderen Krankheiten in der Familie oder bei der Arbeit gehoert. Und Getraenke trinke ich nur aus versiegelten Flaschen und von vertrauenswuerdigen Grosssupermaerkten.
Gestern abend haben wir nach den zwei Wochen Projektleiter-Kurs feierlich die Zertifikate an die Teilnehmer ueberreicht. Danach gab es Tee und Sandwiche, die vorher wie hier oft ueblich, gesegnet wurden. Richtig ans Herz gingen mir die vielen Dankesreden, trotz anfaenglicher Sprachprobleme (die Ugander hatten Schwierigkeiten mit meinem Englisch-Akzent, ich auch mit ihrem) und ganz unterschiedlichen Teilnehmerniveaus (von der Hausfrau bis zum erfahrenen Projektleiter) haben fast alle den Kurs ueberaus positiv bewertet. Ich weiss nicht, wie oft ich gesegnet wurde und mir fuer mein Voluntaersdasein gedankt wurde, schoen! Der Kurs hat zwar die Teilnehmer was gekostet (ca. 70 Euro, viele haben noch Ermaessigung bekommen), was aber weit unter den sonst ueblichen Preisen von 200-400 Euro lag. Der naechste Kurs geht gerade in die Werbung und findet nach Ostern statt.
Sonntag, 18. März 2007
Gesundheit
Ich werde manchmal gefragt, wie es mit der Gesundheit in Uganda aussieht. Nun, am besten man denkt darueber gar nicht nach, wenn man hier ist. Schaut man mal auf die Seiten vom Auswaertigen Amt, oder besser noch Fit for Travel, dann wird einem ganz mulmig. Krankheiten, die man eher mit dem Mittelalter als der Neuzeit verbindet, wie Pest, Cholera und Typhus, treten hier auf. Andere Krankheiten wie die Meningokokken-Meningitis sind eher Insidern und Medizinern bekannt, oder ugandischen Zeitungslesern, seit dem Ausbruch im Dezember gab es 110 Tote bei dieser Krankheit. Weltweit wird der Impfstoff knapp, da der einzige Hersteller Sanofi gerade seine Produktion verlagert. Vom Schwimmen in Fluessen und Seen (z.B. dem Viktoriasee) wird in Resisefuehrern abgeraten wegen Bilharziose, das sind Wuermer, die sich durch die Haut bohren und in Leber, Harnblase und andere Innereien vordringen. Was die Einheimischen aber nicht im geringsten davon abhaelt, trotzdem zu schwimmen. HIV/AIDS ist hier natuerlich ein Thema, auch wenn Uganda eins der vorbildlichsten Laender Afrikas bei dieser Krankheit ist. Der aktuelle und seit 20 Jahren amtierende Praesident Museveni hat frueh auf Aufklaerung und internationale Hilfe gesetzt und Uganda hat als eines von wenigen Laendern Afrikas eine ruecklaeufige Infektionsrate. Und dann gibt es natuerlich noch Malaria, Schlafkrankheit (die beruehmte Tsetse-Fliege...), Hepatitis, Gelbfieber usw. Es gibt vermutlich nichts, was man hier nicht kriegen koennte. Bisher fuehle ich mich aber ganz wohl, und auch die Bevoelkerung macht keinen ueberaus besorgten Eindruck. Malaria hatte hier schon jeder mindestens einmal, und Moskitonetze werden von den meisten nicht gebraucht.
Viele Krankheiten werden ueber unsauberes Wasser verbreitet, das Leitungswasser in Uganda (soweit vorhanden) muss vor dem Trinken abgekocht werden. Wer denkt, Mineralwasser aus Plastikflaschen ist die Loesung, sollte vorsichtig sein. Vor kurzem wurden drei Maenner verhaftet, die gefaelschte Mineralwasserflaschen in einer schmierigen Toilette aufgefuellt hatten. Die Versiegelungen fuer die Flaschen haben sie von Mitarbeitern einer Mineralwasserfabrik erhalten. Also Schnaps trinken, der toetet alles ab. Hier starben neulich 40 Menschen durch Waragi, einen lokalen Gin, der zu viel Methanol enthielt. Cartoon aus der Zeitung dazu:
Samstag, 17. März 2007
Arbeiten in Uganda
Diese Woche hatte ich interessante Gespraeche mit zwei Kollegen ueber den Arbeitsalltag in Uganda. Fangen wir an mit
Immaculate, um die 30, Lehrerin fuer Informatik und Wirtschaftskunde: Ein Lehrergehalt betraegt hier um die 170.000 USh, das sind 75 Euro. Fruehstueckstee und Mittagessen wird in der Schule gestellt, aber zieht man ihre Miete (60.000 USh) und das taegliche Fahrgeld (40.000 USh) ab, bleibt schon nur noch weniger als die Haelfte uebrig. Das Gehalt in dieser privaten Schule (Bishop Sisto Mazzoldi) wird nur unregelmaessig gezahlt, in den Ferien zwischen Anfang Dezember und Anfang Februar gab es z.B. keine Zahlung. Unter den Kollegen werden die Zahlungen in Wassermengen ausgedrueckt: Nieselregen fuer eine kleine Zahlung, Regen fuer eine normale Zahlung und Tsunami, falls die Zahlung sehr hoch ist (um die mageren Vormonate auszugleichen). Am Anfang war ich irritiert, als dauernd ueber die naechsten Regenfaelle gesprochen wurde, dann wurde ich eingeweiht. Der letzte Tsunami war im November. Nur die Lehrer an staatlichen Schulen sollen ihr Gehalt (350,000 USh) regelmaessig bekommen, manchmal sogar Sonderzahlungen in Naturalien (Zucker, Weizenmehl usw.). Eine staatliche Kranken- oder Rentenversicherung gibt es nicht, zum Arzt geht man halt nur selten, und die Alten sind auf die Gnade ihrer Familie angewiesen und wohnen bei ihren Kindern. Die gerade eingefuehrte freie Schulbildung auch fuer Oberschulen existiert nur in der Theorie: Grund- und Oberschulen, zu denen man seine Kinder umsonst schicken kann, sind duenn gestreut, in der Regel muss man also auch noch Schulgeld fuer die Kinder zahlen. Klar, dass bei diesen Ausgaben keine Moeglichkeit fuer Sparen bleibt. Die Intelligenz versucht daher ihr Glueck im Ausland, unter anderem in Dschuba im Suedsudan. Trotz Buergerkrieg sollen dort die Loehne und Arbeitsmoeglichkeiten besser sein.
Mein Kollege Henry, 20, Cheforganisator und Finanzminister im Africa Mentoring Institute (AMI): Nach Abschluss der Bishop Sisto Mazzoldi Schule vor zwei Jahren hat er in der Tankstelle Fuel-Ex angefangen zu arbeiten. Monatslohn 70,000 USh (32 Euro), minus Abzuege bei Fehlern, die am Anfang haeufig waren. Zusaetzlich hat er taeglich 2,000 USh fuer Mittagessen bekommen. Er wohnt noch zu Hause, wenn ich das richtig verstanden habe in einer 18-koepfigen Familie, der Vater hat vier Frauen. Irgendwann wurde in der Tankstelle das ganze Team verdaechtigt, Diesel aus den Tanks abgepumpt und gestohlen zu haben, um einer Verhaftung zu umgehen, ist Henry dann nicht mehr auf der Arbeit erschienen. Um sich weiterzubilden, hat Henry danach im AMI den Kurs "Job Creation and Business Start-Up" besucht. Er hat dort so ernsthaft mitgearbeitet, dass Paul ihn hinterher gefragt hat, ob er nicht fuer das AMI arbeiten will. Dort ist er nun seit letztem Juli. Die Mentoren (=Teilhaber) im AMI geben sich kein regelmaessiges Gehalt, Henry bezeichnet sich deshalb auch als Voluntaer. Wenn Geld da ist, weil gerade Kurse angeboten werden, wird das aufgeteilt, sonst gibt es eben nichts. Echte Voluntaere sind auch noch Habibah und Flavia, die im Institut kochen und putzen. Sie bekommen nichts dafuer ausser Bildung, sie koennen kostenlos an allen Kursen teilnehmen. Das alleine macht die Arbeit interessant fuer sie, spaeter wollen sie sich selbstaendig machen.
Immaculate, um die 30, Lehrerin fuer Informatik und Wirtschaftskunde: Ein Lehrergehalt betraegt hier um die 170.000 USh, das sind 75 Euro. Fruehstueckstee und Mittagessen wird in der Schule gestellt, aber zieht man ihre Miete (60.000 USh) und das taegliche Fahrgeld (40.000 USh) ab, bleibt schon nur noch weniger als die Haelfte uebrig. Das Gehalt in dieser privaten Schule (Bishop Sisto Mazzoldi) wird nur unregelmaessig gezahlt, in den Ferien zwischen Anfang Dezember und Anfang Februar gab es z.B. keine Zahlung. Unter den Kollegen werden die Zahlungen in Wassermengen ausgedrueckt: Nieselregen fuer eine kleine Zahlung, Regen fuer eine normale Zahlung und Tsunami, falls die Zahlung sehr hoch ist (um die mageren Vormonate auszugleichen). Am Anfang war ich irritiert, als dauernd ueber die naechsten Regenfaelle gesprochen wurde, dann wurde ich eingeweiht. Der letzte Tsunami war im November. Nur die Lehrer an staatlichen Schulen sollen ihr Gehalt (350,000 USh) regelmaessig bekommen, manchmal sogar Sonderzahlungen in Naturalien (Zucker, Weizenmehl usw.). Eine staatliche Kranken- oder Rentenversicherung gibt es nicht, zum Arzt geht man halt nur selten, und die Alten sind auf die Gnade ihrer Familie angewiesen und wohnen bei ihren Kindern. Die gerade eingefuehrte freie Schulbildung auch fuer Oberschulen existiert nur in der Theorie: Grund- und Oberschulen, zu denen man seine Kinder umsonst schicken kann, sind duenn gestreut, in der Regel muss man also auch noch Schulgeld fuer die Kinder zahlen. Klar, dass bei diesen Ausgaben keine Moeglichkeit fuer Sparen bleibt. Die Intelligenz versucht daher ihr Glueck im Ausland, unter anderem in Dschuba im Suedsudan. Trotz Buergerkrieg sollen dort die Loehne und Arbeitsmoeglichkeiten besser sein.
Henry mit seiner Freundin Angella (beide arbeiten im AMI)
Mein Kollege Henry, 20, Cheforganisator und Finanzminister im Africa Mentoring Institute (AMI): Nach Abschluss der Bishop Sisto Mazzoldi Schule vor zwei Jahren hat er in der Tankstelle Fuel-Ex angefangen zu arbeiten. Monatslohn 70,000 USh (32 Euro), minus Abzuege bei Fehlern, die am Anfang haeufig waren. Zusaetzlich hat er taeglich 2,000 USh fuer Mittagessen bekommen. Er wohnt noch zu Hause, wenn ich das richtig verstanden habe in einer 18-koepfigen Familie, der Vater hat vier Frauen. Irgendwann wurde in der Tankstelle das ganze Team verdaechtigt, Diesel aus den Tanks abgepumpt und gestohlen zu haben, um einer Verhaftung zu umgehen, ist Henry dann nicht mehr auf der Arbeit erschienen. Um sich weiterzubilden, hat Henry danach im AMI den Kurs "Job Creation and Business Start-Up" besucht. Er hat dort so ernsthaft mitgearbeitet, dass Paul ihn hinterher gefragt hat, ob er nicht fuer das AMI arbeiten will. Dort ist er nun seit letztem Juli. Die Mentoren (=Teilhaber) im AMI geben sich kein regelmaessiges Gehalt, Henry bezeichnet sich deshalb auch als Voluntaer. Wenn Geld da ist, weil gerade Kurse angeboten werden, wird das aufgeteilt, sonst gibt es eben nichts. Echte Voluntaere sind auch noch Habibah und Flavia, die im Institut kochen und putzen. Sie bekommen nichts dafuer ausser Bildung, sie koennen kostenlos an allen Kursen teilnehmen. Das alleine macht die Arbeit interessant fuer sie, spaeter wollen sie sich selbstaendig machen.
Derweil liest man ueber die Geldgier in der Politik in den Zeitungen:
- Eine Bedingung vom nun James-Bond-bekannten LRA-Rebellenfuehrer Joseph Kony fuer die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen im Norden Ugandas war die Erhoehung der Spesen fuer seine Delegationsmitglieder waehrend der Verhandlungen. Seine Leute haben bisher zusammen 70$ taeglich bekommen (ein Lehrermonatslohn, s.o.). Im Dezember war sein Begehren auf Weihnachts(aus)fluege nach London, Stockholm und Koeln abgelehnt worden, im Januar wurden die Verhandlungen abgebrochen...
- Die ugandischen Parlamentarier haben sich gerade aufgeregt, dass sie jeder nur 35 Mio USh (16.000 Euro) fuer die Anschaffung eines Dienstwagens bekommen, statt 69 Mio USh wie urspruenglich geplant. Die Abgeordneten bekommen das Geld so ausgezahlt, es bleibt ihnen ueberlassen, ob sie sich davon wirklich ein Auto kaufen oder nicht...
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