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Donnerstag, 20. Dezember 2012

Alltag in Ecuador

Churasco, Kartoffelsuppe und Avocado
Nach zwei Wochen in Ecuador ist es Zeit, mal wieder über den Alltag zu berichten:

Banken: Hier hat sich seit meinem ersten Besuch 2006 wenig verändert. Überweisungen und Internet-Banking soll es zwar geben, aber wenn man die Schlangen in den Banken sieht, wird das offenbar von den wenigsten Menschen angenommen. Die Beträge für Strom, Wasser, Telefon, Fernsehen, Internet werden weiterhin bar eingezahlt. In jeder Bank befindet sich bewaffneter Wachschutz und man sieht die Zeichen für: Nicht telefonieren, keine Schirmmütze, keine Sonnenbrille und keine Waffen. Wer eine der Bedingungen nicht erfüllt, wird vom Wachschutz freundlich darauf hingewiesen. Silvia stand neulich in der Schlange ganz vorne, als ihr Handy klingelte. Blöde Situation, da sie wusste, dass Amparo anrief und wissen wollte, ob sie sie schon abholen könne. Also nahm sie das Telefon nur kurz heraus  um zu antworten, dass sie gleich fertig sei. Der Wachschutz wollte sie dafür aus der Bank verweisen, was Silvia ebenso resolut natürlich verweigerte. Beim letzten Verbot, keine Waffen, weiß ich nicht richtig, ob mich das beruhigt oder eher beunruhigt. Heißt das, dass Waffen sonst überall (wo diese Schilder nicht hängen) erlaubt sind? Die Schirmmütze darf man übrigens mit dem Schirm nach hinten tragen, nach vorne nicht.

Kunsthandwerksmarkt in Quito
Auch die Schlangen bei Western Union sind immer sehr lang. Das ist nicht verwunderlich, laut Wikipedia leben 3 von 14 Millionen Ecuadorianern im Ausland (hauptsächlich USA, Spanien und Italien) und die Rücküberweisungen an die in Ecuador verbliebenen Familien bilden mit 2 Milliarden US-$ pro Jahr (letzte Messung 2005) einen erheblichen Anteil am Bruttoinlandsprodukt.

Nicht alltäglich: Crepes-Essen mit Kusinchen in Quito
Preise in Ecuador: Ebenfalls laut Wikipedia (s. Link oben) benutzen nur 4% der Ecuadorianer Internet, was ich bezweifle, da es in den Städten an jeder Ecke Internet-Cafés gibt. Ein eigener Anschluss zu Hause kostet etwa so viel wie bei uns, 30 $ im Monat. Bei einem Durchschnittsmonatseinkommen von 400-500 $ ist das allerdings für die meisten ein ziemlicher Luxus. Festnetz-Telefon kommt noch mit ca. 6 $ im Monat dazu, Flatrates wie bei uns gibt es nicht. Bei Handys benutzen die meisten weiterhin Prepaid-Karten. Smartphones gibt es ganz selten, und wenn dann Blackberry statt Android oder i-Phone. Mobiles Internet kostet 1 $ am Tag. Silvias Eltern haben seit kurzem Satelliten-Fernsehen, für 15 Tage zahlt man 10 $ ein, natürlich nicht per Dauerauftrag oder Einzugsermächtigung, sondern in den Geschäften der Drogerie-Kette Sana-Sana. Vergisst man die Einzahlung, wird das Programm sofort gesperrt, nach Zahlung wieder sofort freigeschaltet. Kredite werden hier mit monatlichem Zins (z. B. 2%) angeboten, nicht mit Jahreszins wie bei uns. Die Zinsen berechnen sich nur für die Restsumme, die monatliche Rate sinkt damit stetig. Beispiel: Bei 1.200 $ Kredit auf 12 Monate zu 2% zahlt man im ersten Monat 100 $ + 24 $ (2% auf 1.200 $), im zweiten Monat 100 $ + 22 $ (2% auf 1.100 $) usw. Wer Lust hat, kann ja mal für dieses Modell den effektiven Jahreszins ausrechnen... Fließend Wasser ist recht günstig, Silvias Eltern bezahlen ca. 1 $ pro Monat. Aber es ist auch kein Trinkwasser. Richtig günstig für deutsche verhältnisse ist Taxifahren. In Ambato z.B. fahren wir mehrmals täglich Taxi zu Preisen zwischen 1,00 $ und 1,50 $. In Quito zahlt man für längere Strecken auch schon mal 12 $, man muss aber dabei in Betracht ziehen, dass Quito mit einer Nord-Süd-Länge von 50 km (liegt zwischen zwei Bergrücken) auch extrem große Entfernungen bietet. Für Überlandfahrten kann man neben normalen Taxen auch Tür-zu-Tür-Services mit festen Preisen und Abfahrtzeiten in Anspruch nehmen, so sind wir letzte Woche von Ambato nach Quito gefahren. Man zahlt dann pro Person (12 $, Melissa frei) und wird zu Hause abgeholt. Unterwegs können noch andere Fahrgäste oder auch Kurierpakete (10 $) dazu kommen.

In Quito werden echte (aber meiner Meinung nach zu Kegelform beschnittene) Weihnachtsbäume verkauft
Der Verkehr in Ecuador wird wie beschrieben durch neue Gesetze und Bußgelder langsam besser, der Unterschied zu Deutschland ist aber noch enorm. Die Gurtpflicht gilt offenbar nur für den Fahrer, viele Taxifahrer fahren inzwischen mit Gurt, manche legen ihn sich aber immer noch nur kurz vor einer Kontrolle an. Beifahrer benutzen ihn nicht und auf den Rücksitzen gibt es oft Gurte, aber manchmal keine dazugehörigen Schnallen. Zebrastreifen dienen nur der Dekoration, selbst bei Grün werden Fußgänger von rechts abbiegenden Autos einfach weg gehupt. Überhaupt ist die Hupe im Gegensatz zu uns das meist benutzte Zubehör. Taxifahrer der alten Schule fahren weiterhin in geschlossenen Ortschaften 90 km/h, und bremsen in Tempo-30-Zonen dann immerhin auf 80 herunter. In Quito fuhr uns ein Taxifahrer im Stau zuerst auf die Metro-Bus-Spur (mögliches Bußgeld 80 $), dann bog er auf voller dreispuriger Straße von der ganz linken Spur mit quietschenden Reifen vor zwei Bussen nach rechts ab. Es wird gerne mit Vollgas beschleunigt, selbst wenn die Staulücke nur 10 m beträgt.

Weihnachtskonzert in Ambato mit den hier weit verbreiteten Mützen
Weihnachten werden wir in der Großfamilie (mit Silvias Tanten) schon am 23.12. feiern, in der Familie dann am 24. oder 25. Im Supermarkt haben wir schon für 25 $ einen künstlichen Weihnachtsbaum gekauft und aufgebaut. Echte Weihnachtsbäume gibt es auch, aber ganz selten zu finden (nur einmal in Quito in einem Park gesehen) zu Preisen zwischen 20 und 35 $. Das geht eigentlich, aber die kann man natürlich nur einmal verwenden. Julklapp/Wichteln heißt hier "amigos secretos", also heimliche Freunde und funktioniert wie bei uns: per Los zieht man einen Namen, dem man für 10 $ ein Geschenk kauft (bitte keine Kuscheltiere!). Das machen wir am 24./25.

Melly schmückt den künstlichen Weihnachtsbaum