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Sonntag, 17. Mai 2009

Land der Überraschungen

Vietnam steckt voller Überraschungen, die das Leben und die Arbeit hier manchmal schwierig, oft aber auch einfach nur spannend machen. Hier ein paar Beispiele:

Arbeit

Am Donnerstag gesteht mir mein Produktionsdirektor und Betreuer hier, dass er seit dem 1. Mai gar nicht mehr der Firma angehört, sondern jetzt als Consultant für ERP-Systeme sein Geld verdient. Nun ist verständlich, dass die Beratung in dieser Firma einen total fordert, sie wurde schon die letzten zwei Jahre von ihm als Berater auf Vordermann gebracht und wendet jetzt die erfolgreichsten Methoden an! Nichtsdestotrotz ist es für beide Seiten eine Bereicherung und es ist spannend mit was für Problemen die Firmen hier generell kämpfen. Z.B. ist die vietnamesische Währung anscheinend nur in gewissen Grenzen von den Banken in US-Dollar konvertierbar. Wenn Fabriken nun bei ihren Rohstoffen auf ausländische Produkte angewiesen sind, tauschen die Banken die Beträge manchmal nicht. Und wenn sie sie tauschen, sorgt die Inflation für schwankende Wechselraten und damit unkalkulierbare Preise. Das habe ich schon von mehreren Firmen hier gehört. IBM Vietnam konnte uns hier helfen mit einer Markteinschätzung der Inflation für Vietnam, und wir arbeiten nun daran, den Preis in Abhängigkeit von der Wechselrate in den Verträgen festzuschreiben.

Die Fabrik meines Kunden liegt in Sichtweite des Hotels, das minzgrüne Gebäude in der Mitte hinter dem Golf-Übungskäfig.

Industrie- und Handelskammer

Alle unsere Kunden werden hier vom VCCI (Vietnamese Chamber of Commerce und Industry, also Industrie- und Handelskammer) betreut. Am Dienstag vormittag bekommen wir alle eine Einladung zum Essen für den gleichen Abend zu einer vom VCCI ausgerichteten Veranstaltung (erfrischende Spontaneität). Vor Ort entpuppt sich die Veranstaltung als große Feier im Rahmen des Wiedersehens eines Managementlehrgangs von 2006/2007, den viele unserer Direktoren besucht haben. Nach mehreren Reden werden auf der Bühne vietnamesische Heimatlieder gesungen. Meine Übersetzerin erzählt mir, dass sie meist von der Heimatstadt handeln, durch die ein großer Fluß fließt, oder von dem Heimatdorf, das Ho Chi Minh einmal besucht hat, und natürlich von der Liebe. Hier gleich die Vietnamesisch-Lektion von heute:

Anh yêu em (sprich ang jo em): Ich liebe dich (Mann zur Frau)
Em yêu anh: Ich liebe dich (Frau zum Mann), andere Kombinationen sind hier nicht vorgesehen :-)

Es gibt Rotwein zum Essen (was hier sehr selten ist und von der Güte der Veranstaltung zeugt), und zum Essen kommt man kaum. Denn es kommen immer wieder Gäste an unseren Tisch und stoßen mit uns an (dzo!), dabei müssen wir natürlich alle aufstehen. Kaum sitzt man dann wieder, kommt schon der Nächste. Schließlich werde ich (wahrscheinlich als körperlich größter) Vertreter der Volontäre vom VCCI-Vertreter mitgenommen und nochmal jedem anderen Tisch einzeln vorgestellt. Der Trick dabei ist, nur so zu tun, als ob man den Wein nach dem Anstoßen trinkt. Aber nur durch das Nippen wird es schon ein feuchtfröhlicher Abend.

Der Sohn vom VCCI-Direktor (Karaoke singend) erzählt mir hier beim nächsten VCCI-Essen, dass ihm meine Tanzeinlage gefallen hat

Die nächsten beiden Überraschungen an diesem Abend: Nach dem Essen gibt es zu den Heimatliedern eine Tänzerin, die mich auf die Bühne bittet. Natürlich kann ich mich nicht dagegen wehren, und so mache ich ihr einfach alle Schritte nach und tanze in einem schier endlosen Lied eine Art Salsa mit ihr. Dem Publikum gefällt's.

Nach der Veranstaltung wird uns der Wagen eines (einfluss-)reichen Geschäftsmannes zur Verfügung gestellt. Als wir nicht in Richtung Hotel abiegen, ahne ich, dass der Abend noch nicht zu Ende ist. Wir lassen uns alle treiben durch den Nacht-Verkehr von Haiphong (für einen Dienstag Abend ist viel los, ich glaube, die Clubs sind hier täglich geöffnet und auch voll) und landen schließlich - natürlich in einer Karaoke-Bar! Eine Geschäftsfrau ist dabei ganz von Jean-Michel begeistert, lädt uns alle für den übernächsten Abend zu sich nach Hause ein, die Party und die Überraschungen gehen weiter...

Sukanyas Geburtstag

Am Freitag abend sind wir bei der Dolmetscherin Huyen zu Hause zum Essen eingeladen. Huyen lebt untypisch alleine in dem Haus ihrer Eltern, die beide getrennt in Deutschland leben. Das Haus besteht aus fünf Zimmern, vorne 3 Geschossen, hinten zwei Geschossen, jedes Geschoss besteht aus nur einem Raum und die hinteren Etagen sind zu den vorderen versetzt. Eine eigentümlich verwinkelte Architektur, die uns alle begeistert. Es gibt Hot Pot, wir essen wegen der großen Gruppe auf dem Boden. Hot Pot ist eine kochende Suppe/Brühe, ähnlich Fondue, in der alle möglichen Zutaten (Fleisch, Meeeresfrüchte, Fisch, Gemüse) kurz gekocht und dann wieder zum Essen herausgeholt werden, sehr lecker! Zum Ende des Dinners gibt es Kuchen, den Sukanya mitgebracht hat. Sie hat schnell gelernt in Vietnam und verkündet uns nun ihre Überraschung: es ist heute ihr Geburtstag!

Essen bei Huyen: Hot Pot