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Sonntag, 17. Juni 2007

Bilanz eines Jahres

Nach fast einem Jahr am Aequator in Ecuador und Uganda geht einem vieles durch den Kopf: Hat es sich gelohnt? Konnte ich was bewirken? Bin ich nun ein anderer Mensch? Habe ich nun ein anderes Bild von Deutschland? Was habe ich alles erlebt, was gelernt?

Zuerst einmal: ja, es hat sich gelohnt. Es war die beste Entscheidung meines Lebens und ich wuerde es jederzeit wieder tun! Ich kann es kaum beschreiben, aber diese Fuelle an Erlebnissen, der Einblick in andere Kulturen und Traditionen, die vielen neuen Freunde, die Abenteuer und selbst die Unannehmlichkeiten, all das relativiert doch das Leben, dass ich aus Deutschland her kannte. Was ich wahrscheinlich am meisten gewonnen habe, ist Gelassenheit, Zufriedenheit und Selbstvertrauen. Die drei Groessen haengen eng miteinander zusammen. Gelassenheit lernt man mit dem anderen Zeitgefuehl und der Sorglosigkeit, ich hatte das ganze Jahr ueber kein bisschen Stress. Die Sorglosigkeit bedingt Zufriedenheit, und man freut sich hier ueber einfache Dinge, z.B. dass man sich einfach nach einer Woche Urlaub wieder sieht. Oder dass ich nach der Arbeit fuer die Familie ein paar Chapatis (Fladen) oder Kekse mitbringe, die wir dann zum Tee geniessen. Und das Selbstvertrauen wird automatisch gestaerkt, wenn man ein Jahr lang als Weisser im Blickpunkt steht, bewundert wird, aber sich auch gegen geschaeftstuechtige und feilschende Busschaffner und Haendler behaupten muss.

Ob ich etwas bewirken konnte, muessen andere entscheiden. Als Voluntaer schminkt man sich ziemlich schnell die Vorstellung ab, dass man die Bedingungen vor Ort nachhaltig verbessern kann. Man tut etwas, und wenn man das Land verlaesst, ist alles wieder wie vorher. Doch ein paar Sachen konnte ich zumindest hinterlassen: in Ecuador sind nun Affen und Kaenguruhs aus dem Wiener Zoo zu sehen, in Uganda hat das Africa Mentoring Institute und die NGO GASHUD nun eine Website und Kurse inkl. Dokumentationen fuer Projekt-Management und Computer wurden entwickelt. Fuer ein Schulbauprojekt habe ich den Kontakt mit einem deutschen Spender hergestellt, und obwohl das Projekt nur sehr langsam in die Gaenge kommt bin ich zuversichtlich fuer ein gutes Gelingen. Die Menschen in Ecuador und in Uganda sind alle sehr dankbar und freuen sich auf eine baldige Rueckkehr.

Erlebt und gelernt habe ich sehr viel, von neuen Sprachen (Spanisch verstaendigungsreif, Grundlagen von Luganda und ugandisches Englisch), ueber den Umgang mit Kindern und Jugendlichen, aber auch mit Tieren aller Art, bis hin zu Affairen mit den lokalen Schoenheiten. Erfrischend war auch der Kontakt mit jungen Voluntaeren, meist um die 20 Jahre alt, von allen bewohnten sechs Kontinenten.

Was sehe ich nun mit anderen Augen in Deutschland? Vieles: die Sauberkeit und das Umweltbewusstsein, eine lueckenlose Strom- und (Trink!-)Wasserversorgung, Maschinen und Haushaltsgeraete fuer jede Aufgabe, ein ausgezeichnetes (aber viel zu teures) Sozialsystem mit freier Schulbildung, Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, Preise und Loehne auf einem ausserordentlich hohem Niveau, zerstreute und kleine Familien, allein lebende Menschen, eine sehr grosse (zu grosse?) Ruecksichtsnahme, verplante Arbeits- und Freizeit, ein erfrischend abwechslungsreiches Klima, die Konsumorientierung, oft sinnlosen Stress, politische und soziale Kontinuitaet, das Glueck, Urlaub zu haben und Reisen finanzieren zu koennen, das Glueck, sich Buecher, Zeitschriften und Zeitungen leisten zu koennen, die hohe Verkehrs- und Alltagssicherheit, asphaltierte Strassen ohne Schlagloecher. Dies sind nur einige Eindruecke, wahrscheinlich kommen nach meiner Rueckkehr nach Deutschland noch viele dazu.

An dieser Stelle moechte ich allen danken, die mich im letzten Jahr unterstuetzt haben und mir das Sabbatjahr ermoeglicht haben:
  • meinem Arbeitgeber csg/IBM fuer das Angebot und die Bewilligung des Sabbatjahres,
  • den Voluntaersorganisationen AFS und ICJA fuer die Organisation und Betreuung waehrend des Jahres,
  • dem Bundesfamilienministerium fuer das IFL-Programm,
  • den beiden (mit Kurzaustausch drei) Gastfamilien in Ecuador und Uganda fuer die liebevolle Aufnahme und Integration,
  • den Projekten in Ecuador und Uganda fuer interessante und erfuellende Taetigkeitsfelder,
  • den daheimgebliebenen Freunden und Kollegen fuer die vielen aufmunternden e-Mails, Kommentare und Gaestebucheintraege,
  • den vielen Mitvoluntaeren und einheimischen Freunden fuer die Feste, Reisen, Ausfluege und sonstige Freizeitgestaltung
  • und natuerlich meiner Familie in Berlin fuer die liebevolle Unterstuetzung und Mithilfe waehrend des ganzen Jahres!