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Sonntag, 26. September 2010

Paris

An der Seine vorm Eiffelturm

Es ist ja schon eine Weile her, aber in letzter Zeit komme ich kaum noch zum Bloggen... Ende Juli waren wir über Silvias Geburtstag zu dritt in Paris. Mit dem Auto hingefahren, da konnten wir öfter Pause machen und die Pausen ziehen sich mit Baby ganz schön in die Länge. Auf der Hinfahrt haben wir in Köln übernachtet, auf der Rückfahrt in Heidelberg. Ein Urlaub mit Kinderwagen ist zwar etwas anstrengend, aber wir haben doch erstaunlich viel gesehen. Sogar auf den Eiffelturm selbst konnte man den Kinderwagen mitnehmen, zusammen geklappt im Fahrstuhl, und in 115m Höhe gab es tatsächlich einen Wickelraum für Melissa! Sportlicher war es in Versailles, im Schloss waren Kinderwagen verboten, dafür draußen im weitläufigen Park gestattet.

Das Schloss Versailles

In der Stadt sind wir viel mit der Metro gefahren, um den Staus und der Parkplatzknappheit zu entfliehen. Das ist ein Abenteuer, da man mit dem Kinderwagen nicht durch die Drehkreuze kommt und immer jemanden finden muss, der einem die für diese Fälle gedachte Tür öffnet. Und danach gibt es oft sehr lange Gänge mit vielen Zwischentreppen. Rolltreppen oder gar Fahrstühle sind dabei ganz rar. Klar, dass man da kaum Kinderwagen bzw. Babys in der U-Bahn sieht, dafür waren aber die Fahrgäste umso freundlicher und haben Silvia immer sofort einen Sitzplatz angeboten. Die anderen Sehenswürdigkeiten haben wir im Schnelldurchgang und meist von außen gesehen: Triumphbogen, Champs-Élysées, Élysée-Palast, Place de la Concorde, Tuilerien, Louvre, Invalidendom, Centre Pompidou, Notre Dame, das Rathaus, Place des Vosges und natürlich die Kaufhäuser Galeries Lafayette und Printemps.

In Paris ist alles größer, sogar die Nutella-Gläser (in den Galeries Lafayette)

Womit vertreiben wir uns sonst die Zeit außer mit Melissa? Mit Kita-Besichtigungen, einer Goldenen Hochzeit, Steuererklärungen, der Nachbereitung unserer Hochzeit, in meinem Fall mit einem neuen Handy (Google Nexus One) und (diesmal ohne Zeitungsfoto) der zweiten IFA mit Melissa.

Neulich auf der Funkausstellung...

Sonntag, 4. Juli 2010

Fussball und Rückkehr nach Berlin

Inzwischen sind wir seit 10 Tagen wieder in Berlin und schon wieder voll zurück im deutschen Alltag, trotzdem möchte ich natürlich noch über eine Sache berichten:


An der Glienicker Brücke mit Melissa und Silvias Schwestern Alicia und Amparo
Fußball in Ecuador: Die ersten beiden deutschen WM-Spiele haben wir noch in Ecuador verfolgt. Wir (oder besser ich, Silvia interessiert sich nur mäßig für Fußball) hatten Glück, der einzige ecuadorianische Sender (Gama-TV), den man über Antenne (mit viel Schnee und Streifen) in San Francisco empfangen kann, war der offizielle WM-Sender in Ecuador. Die Kommentatoren entsprechen voll dem Klischee, sie reden ununterbrochen (wie in deutschen Radio-Übertragungen) und schreien lange GOOOOOOOOL, wenn ein Tor fällt. Ein krasser Gegensatz zu den deutschen Fernsehkommentatoren, die oft sekundenlang schweigen und im direkten Vergleich etwas unterkühlt wirken. Ungewohnt und etwas nervig sind die Werbeformen in Ecuador: neben den auch bei uns üblichen Einblendungen (im unteren Bildschirmdrittel, während das Spiel weiter läuft) wird die Werbung auch zusätzlich vom Reporter im Kommentar eingebaut: bei einem Angriff lautet der Kommentar z.B. "Und Deutschland greift an (span. "avanza"), Ecuador kommt voran (span. ebenfalls "avanza") mit Mavesa, weil Mavesa Hino ist und Hino ist Mavesa. Gehe in den Norden oder in den Süden von Ecuador, Mavesa ist die Kraft von Ecuador!". Mavesa = Hino ist ein Konzern, der Lastwagen und Busse herstellt. Die Eckbälle dagegen werden vom Mobilfunknetzbetreiber Porta gesponsert: "Ecke für Deutschland. Telefonieren Sie mit Porta, für nur einen Cent rufen Sie Ihre Freunde an. Laden Sie heute Ihr Guthaben auf und Sie erhalten für fünf Dollar zehn Dollar Guthaben!". Nach dem Australienspiel überschlug sich die Presse mit Lob für die deutsche Mannschaft, die erste "Goleada" (= Torreigen oder Kantersieg) der WM hatte stattgefunden. Nach der Serbien-Niederlage dagegen natürlich gleich der Dämpfer: "Deutschland verliert die Partie, seinen Protagonisten (Klose) und die Vorreiterrolle bei dieser WM".


Mashicunas in Aktion

Zurück in Deutschland ging uns die ecuadorianische Kultur nicht verloren, letzten Sonntag gab es im Haus der Kulturen Lateinamerikas ein Hoffest, auf dem auch Amparos Tanzgruppe Mashicunas getanzt hat. Wer die Tanzgruppe einmal live erleben möchte: am 28. August tritt sie beim nächsten Fest, der Fiesta Ecuatoriana, im Haus der Kulturen Lateinamerikas wieder auf. Und seit gestern ist Silvias Schwester Alicia aus Lanzarote bei uns für zwei Wochen zu Besuch.

Montag, 14. Juni 2010

Die Erzaehlungen von Gabriel García Márquez


Auf den langen Busfahrten nach Guayaquil und zurueck habe ich auch die Erzaehlungen von Gabriel García Márquez gelesen. 26 Geschichten, zwischen vielleicht 5 und 50 Seiten lang, erzaehlen teils phantastisch und grotesk ueber Gewalt, Tod und Einsamkeit, aber auch die alltaeglichen Dinge in Kolumbien. Die Geschichten sind 50 Jahre alt, geben aber erstaunlich viele Eindruecke wieder, die auch fuer das Nachbarland Ecuador zutreffen koennten:
  • Das typische Mittagessen besteht aus Yuca-Suppe (in Uganda als Kassava bekannt, in Deutschland auch als Maniok) und dann Reis mit Fleisch und Bohnen.
  • Als Waescheleine wird ein Draht verwendet.
  • Verrostete Wellblechdaecher.
  • Riesige Bananenplantagen (an der Costa Ecuadors), bzw. Haziendas.
  • Der Winter beginnt im Mai mit starken Regenfaellen, Feuchtigkeit und Kaelte (das erleben wir gerade in San Francisco, wobei Kaelte 20º bedeutet im Vergleich zu 27º im Sommer...).
  • Im Sommer herrscht drueckende Hitze (habe ich in Guayaquil erlebt).
  • Bei Begraebnissen sieht man den Leichnam im Sarg.
  • Eine Geschichte erzaehlt vom Señor Herbert, dem schwerreichen Gringo, der mit seinen zwei grossen Truhen voller Geld die Probleme der armen Dorfbevoelkerung loesen will.
  • Der eitle und sich in Szene setzende Praesident (der ecuadorianische Praesident Rafael Correa Delgado hat gerade im Fernsehen verkuendet, dass er seinen woechentlichen Samstags-Bericht waehrend der Fussball-WM zweimal aussetzen wird, da auch er Fussball gucken moechte...).
  • Mehrere Geschichten handeln von (vermeintlichen) Dieben, die ein ganzes Dorf zum Aufruhr bringen (siehe Fangen von Dieben).
Nicht gemeinsam mit (dem heutigen) Ecuador sind mir bisher nur zwei Dinge aufgefallen:
  • Es wird oft von Eisenbahnstrecken berichtet, sowohl fuer den Guetertransport (ein nicht enden wollender Zug mit 142 Waggons voller Bananen) als auch fuer den Personenverkehr (Ankunft auf einem verlassenen Dorfbahnhof in sengender Mittagshitze, dessen Pflastersteine vom Unkraut aufgebrochen werden). In Ecuador gibt es zwar die beruehmte Eisenbahnstrecke von Quito bis fast nach Guayaquil (Duran auf der anderen Flussseite), die aber nur noch auf einem kleinen Teilstueck touristisch benutzt wird. Den Transport uebernehmen Lastwagen und Busse.
  • Der kolumbianische Dorfbuergermeister ist gleichzeitig auch oberster Polizist, Richter und Staatsanwalt, was in Ecuador nicht der Fall ist. Dafuer werden Dorfbuergermeister in Ecuador meist Praesident genannt, San Francisco hat so einen Praesidenten.

Trauer

In der Nacht zum vergangenen Donnerstag ist mein Gastvater aus Guayaquil von 2006 Richard Concha verstorben. Er war wohl zwei Tage vorher mit Atembeschwerden ins Krankenhaus gekommen, die dann bis zum Atemstillstand eskaliert haben. Das war wie ein Schock, Richard war gerade mal zwei Jahre aelter als ich. Vor einem Monat hatten wir noch zu meiner Hochzeit telefoniert.

Richard 2006 an seinem Geburtstag

Dann ging alles ganz schnell: Am Freitag nachmittag war die Beerdigung. Wir waren gerade in Ambato, als ich ueber Internet davon erfahren hatte, und so stieg ich am Freitag frueh alleine in den Bus von Ambato nach Guayaquil, um die sechsstuendige Fahrt von der regenkuehlen Sierra in die tropisch heisse Costa zu unternehmen. Silvia und Melissa blieben in der Sierra, da Melissa das heisse Klima nicht vertraegt.

Auf Richards Bett versammelte sich die Familie (2006).

In Guayaquil kuemmerte sich Felix (Annikas Freund) und seine Familie (bei der ich uebernachten durfte) ganz ruehrend um mich, holte mich vom Busbahnhof ab, fuhr mit mir zum grossen Trauersaal, den ich schon von der Beerdigung von Richards Vater 2006 kannte. Richard lag vorne im aufgeklappten Sarg unter einer Glasscheibe. Viele Angehoerige und Freunde hielten Reden, in denen sie sich erinnerten, wie sie Richard erlebt und wie er ihnen immer geholfen hatte. Die Mitarbeiter seiner Firma Mash zeigten eine Multimedia-Diashow, ausserdem wurden grosse Fotos von ihm gezeigt. Nach einem Gottesdienst erfolgte dann die Kremation.

Richard 2008

Vor meiner Rueckfahrt am Samstag mittag schaute ich noch in Richards Haus vorbei. Sein Bruder, seine Schwester und Teresa kamen gerade mit der Urne vom Krematorium und fuhren spaeter gemeinsam zum Strand, wo dem letzten Willen gemaess Richards Asche im Meer verstreut werden sollte. Mash wird zukuenftig von Richards Bruder geleitet werden, der seit zwei Jahren auch im Haus wohnt.

Richard 2006

Mittwoch, 9. Juni 2010

Alltag in Ecuador

Wir geniessen noch die letzten knapp zwei Wochen in Ecuador, Zeit mal wieder ueber einige Dinge des Alltags hier zu berichten:

Die Jugendlichen haemmern Obstkisten vor dem Haus von Silvias Eltern zusammen.

Wirtschaft in San Francisco: Wovon leben die Leute in San Francisco, einem kleinen Dorf am Rande einer Landstrasse? Die Gegend um San Francisco ist beruehmt fuer ihre Obstsorten, vor allem Mandarinen. Wenn man durch das Dorf faehrt, sieht man mindestens zehn Obststaende, die die Fruechte direkt an der Strasse verkaufen. Will man das Obst weiter, z.B. zum grossen Montagsmarkt in Ambato transportieren, benoetigt man Holzkisten. Silvias Vater betreibt zusammen mit seinem Bruder ein kleines Saegewerk und eine Holzkisten-Manufaktur und verschafft so seinem Bruder ein kleines Einkommen. Gesaegt werden Bretter fuer Mandarinen-, Baumtomaten- und Lulo-Kisten (Lulo, auf spanisch Naranjilla, ist eine in Ecuador sehr verbreitete Frucht), die Kistenmasse unterscheiden sich je nur um einen Zentimeter. Die Kisten werden manuell zusammengenagelt, von Schuelern die sich damit ein Taschengeld verdienen (7 Centavos pro Kiste, ein Schueler schafft etwa 100-150 Kisten am Tag). Per Lastwagen werden dann bis zu 500 Kisten (Kaufpreis 50 Centavos pro Kiste) abgeholt, oder von vielen auch nur die Bretter zum Selberzusammenbauen. Silvias Eltern verkaufen auch die vielen Mandarinen aus ihrem Garten und bekommen pro Kiste dann 3-5 Dollar.

Silvias Vater verschliesst die Mandarinenkisten fuer den Verkauf.

Schuhgroessen: In Ecuador haette ich es auf Dauer schwer mit Kleidung und Schuhen. Herrenschuhe werden nur bis Groesse 42/43 angeboten. Der Italiener aus dem Nachbardorf, in dessen Pizzeria wir unsere Hochzeit gefeiert haben, lebt seit acht Jahren in Ecuador, vorher hat er in New York gelebt. Er hat wie ich Schuhgroesse 46 und kauft seine Schuhe immer im Urlaub in New York oder Italien.

Frisch gefangene Forelle gebraten mit Reis, Patacones (aus Kochbananen) und Salat.

Kartenspiel Cuarenta: Das ecuadorianische Nationalkartenspiel heisst Cuarenta (wie die Zahl 40). Es wird mit 52 normalen Karten (wie Rommé oder Canasta) gespielt, wobei die 8,9 und 10er aussortiert werden. Man spielt zu viert in zwei Paaren gegeneinander, legt der Reihe nach seine Handkarten ab und bekommt Punkte, wenn man die Karte seines Vorgaengers mit der gleichen Karte (also z.B. Koenig mit Koenig, egal welche Farbe) sticht. Man kann auch Strassen stechen (also z.B. ein As, 2, 3 mit einem As) oder Karten zum Stechen addieren (z.B. eine 2 und eine 4 mit einer 6 stechen). Das Paar, das zuerst 40 Punkte erreicht hat, hat gewonnen, daher der Name Cuarenta.

Im Supermarkt gibt es mitunter Babyschalen auf dem Einkaufswagen (hier in Quito).

Auslaender in Baños: Im nahen Baños gibt es viele Touristen (aus Ecuador und auslaendische) und wir haben letzte Woche auch zwei dauerhaft dort lebende Auslaender kennengelernt: Der erste ist ein Deutscher, gross geworden in Bayern, der in Baños schon seit Jahren (Jahrzehnten?) ein Hotel und Tourbuero betreibt. Er hat uns neulich, wir auf einen Bus wartend, in seinem Jeep nach Baños mitgenommen. Er hat alle Vulkanausbrueche des Tungurahuas (seit seinem Wiederausbruch 1999) miterlebt und beurteilt die augenblicklich stattfindenden Evakuierungsuebungen als zwar gut, aber auch ueberfluessig: "Im Ernstfall reagieren die Ecuadorianer hier sehr chaotisch, ganz anders als in den Uebungen.". Der zweite Gringo (Auslaender) kommt aus Michigan, USA, und lebt seit 14 Jahren in Baños mit seiner Frau aus Guayaquil. Sie betreiben ein nettes Café mit Buecherausleih- und -tauschecke und kostenlosem Nachmittagskino. Unser gemeinsamer Ansprechpunkt waren u.a. unsere fast gleichaltrigen Toechter.

Forellenangeln: Kusinchen Rosa zeigt ihren grossen Fang

Muttertag, Vatertag und Kindertag: Diese Tage werden in Ecuador sehr gefeiert, aehnlich wie der Muttertag in Uganda. Waehrend der Muttertag und der Kindertag wie in Deutschland am zweiten Sonntag im Mai und am 1. Juni gefeiert werden (und der ganze Mai, vor allem von der Werbung) als "Monat der Mutter" bezeichnet wird, ist der genaue Vatertag etwas strittig: Silivas Schwestern Amparo und Alicia riefen am 1. Sonntag im Juni zum Glueckwuenschen an (wie es in der Schweiz seit 2007 gehandhabt wird), Silvias dritte Schwester Irma ist vom zweiten Sonntag im Juni ueberzeugt (so machen es die Oesterreicher) und Wikipedia Español spricht fuer Lateinamerika allgemein und Ecuador speziell vom dritten Sonntag im Juni (so machen es die Amis und Kanadier). Aber mit den Daten (z.B. auch von Geburtstagen) nehmen es viele Ecuadorianer sowieso nicht so genau, wir haben (auch wegen der Hochzeit am Muttertagswochenende) hier Muttertag und Vatertag zusammen am letzten Maisonntag gefeiert, Silvias Eltern jeweils ein Paar Hausschuhe und grosse Handtuecher geschenkt und zur Feier des Tages Cuy (also Meerschweinchen) gegessen...