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Freitag, 5. Februar 2021

Alltag im Lockdown II

Das Zeitalter der Aufklärung

Angela Merkel ist Physikerin und damit Naturwissenschaftlerin. Unter den Präsidenten und Premierministern der G8-Staaten ist sie damit alleine, die anderen sind alle Geisteswissenschaftler: Jura (4x), Philosophie und Politik (Macron), Literatur (Trudeau) oder Klassisches Altertum (Johnson). 

Die Naturwissenschaften prägen unser Weltbild seit dem Ende des Mittelalters, eine bedeutende Rolle nahm im 16. und 17. Jahrhundert Galileo Galilei ein, der beobachtete und Experimente durchführte, diese mathematisch auswertete und die daraus gewonnenen Ergebnisse über theologisch oder philosophisch begründete Aussagen stellte. So entwarf er sein Weltbild mit der Sonne im Mittelpunkt aus den Sternbeobachtungen und war damit im Widerspruch zur Kirche, die die Erde in den Mittelpunkt stellte. Das Ende kennt jeder: die Kirche machte ihm den Prozess, er musste widerrufen, behielt aber Recht und wurde 350 Jahre nach seinem Tod 1992 von Papst Johannes Paul II rehabilitiert.

Mein letzter Friseurbesuch war im Oktober, Vergleich mit heute...

Ich bin selber Physiker und natürlich von dieser Geschichte begeistert. Es setzte das Zeitalter der Aufklärung ein und die Naturwissenschaften konnten nicht alles, aber doch immer mehr Phänomene erklären. 

Über Angela Merkel kann man denken, was man will, ihr naturwissenschaftlicher, pragmatischer Ansatz hat ihr über alle Parteigrenzen und -ideologien hinweg Sympathien gebracht. In Umfragen finden 84% der Befragten ihre Arbeit eher gut als schlecht und im Vergleich hat sie meist die beste Note für deutsche Spitzenpolitiker. Sie hat die Atomkraftwerke abgeschaltet, die Ehe für alle ermöglicht und als kein passender CDU-Kandidat in Sicht war, auch Gauck und Steinmeier als Bundespräsidenten unterstützt. Bei den beiden größten Herausforderungen Klimakatastrophe und Massensterben der Arten ist sie allerdings zu spät dran oder untätig geblieben.

Verlockung im Lockdown

Was mir derzeit beim Lockdown Sorge bereitet, ist die Abwendung von immer mehr Menschen weg vom naturwissenschaftlichen Ansatz und hinein in ein Paralleluniversum von "alternativen Fakten" und Verschwörungstheorien. Ein in keinster Weise belegter Wahlbetrug wird ja z.B. nicht dadurch wahr, dass man das immer wieder wiederholt, bis einem die Kommunikationskanäle abgedreht werden. Sondern nur durch Fakten und Beweise, die es offenbar nicht gab. Dass diese Lügen einen Mob aufhetzen, der schließlich das Parlament erstürmt, ist unfassbar, ebenso, dass die Chancen für eine Bestrafung dieser Tat eher schlecht stehen.

Als beim ersten Lockdown Christian Drosten die Politik beraten hat, fand ich das gut. Dass er nicht unfehlbar ist und seine Meinung mehrfach gewechselt hat, ist auch einleuchtend, denn es gab ja noch wenig Erkenntnisse zur Virusausbreitung. Im zweiten Lockdown hat sich eine ganze Gruppe von Wissenschaftlern gebildet und das Konzept NoCovid der Ministerpräsidentenkonferenz vorgeschlagen. Ich würde mir wünschen, dass auch bei der Klimakatastrophe die Wissenschaftler angehört werden.

Pflegeheime


Corona-Tote in Deutschland nach Alter, die Zahlen sprechen leider für sich

Der Umgang mit den alten Menschen im Lockdown ist im wahrsten Sinne des Wortes unerhört. Die Toten sind fast ausschließlich Alte (siehe Grafik oben), und es passiert einfach zu wenig. Im ersten Lockdown war es gar nicht möglich, ein Pflegeheim zu betreten, man konnte nur fensterln. Zum Glück hat mein Vater ein Zimmer im Erdgeschoss, wo man das problemlos durch die Balkontür tun konnte. Beim zweiten Lockdown waren ja dann die Schnelltests verfügbar, wurden aber nicht konsequent eingesetzt und angeboten. Erst eine Woche vor Weihnachten konnte ich meinen Vater nur noch mit Schnelltest besuchen, der auch zum Glück vor Ort im Pflegeheim durchgeführt wird. Bei anderen Pflegeheimen muss man sich den Test (kostenpflichtig) in der nächsten Apotheke besorgen oder auf regionale Angebote setzen wie in Berlin. Mein Vater ist schon zweimal geimpft, Losglück.

Mein Vater

Föderalismus

Deutschland ist ein Bundesstaat aus 16 Bundesländern. Das ist wohl selten so aufgefallen wie beim Lockdown. Man fühlt sich in die Kleinstaatlichkeit des 19. Jahrhunderts zurückversetzt, als in jedem deutschen Fürstentum andere Gesetze galten. Im Speckgürtel von Berlin muss man da ständig die Corona-Verordnungen von Berlin und von Brandenburg studieren und deren Unterschiede kennen, wenn man in Berlin arbeitet, dort ein Pflegeheim besucht oder die Tochter die Ballettschule besucht, sie aber in Brandenburg zur Schule geht, man in beiden Bundesländern Freunde trifft (in Berlin zählen aktuell Kinder bis 12 Jahre, aber nur bei bei Alleinerziehenden, nicht zur Kontaktbeschränkung, in Brandenburg Kinder unter 14 Jahren generell, ein Kindergeburtstag ist hier also möglich), joggen (war in Berlin über Weihnachten nachts möglich, in Brandenburg nicht, naja eher theoretisch zu sehen) oder spazieren gehen will, draußen einen Glühwein trinken möchte (was in Berlin möglich war, in Brandenburg nicht) oder zu Silvester wenigstens Wunderkerzen kaufen möchte (war in Brandenburg möglich, in Berlin nicht). 

Potsdam im Lockdown, darf ich da mit dem Fahrrad gerade hinfahren?

Manche sagen, die Corona-Regeln würden am Parlament vorbei im Hinterzimmer der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK), einem inoffiziellen Organ, entschieden. Das kann man so nicht sagen, sie werden in 16 Landesparlamenten entschieden und die regionalen Besonderheiten dabei berücksichtigt. Damit es nicht zu sehr ausufert, ist die Vorabstimmung in der MPK sinnvoll. 

Mittwoch, 3. Februar 2021

Alltag im Lockdown I

Heute fragt mich ein Freund über Messenger, wie es mir persönlich geht und wie ich vom Lockdown beeinträchtigt bin. Eine einfache Frage, die man gar nicht so schnell beantworten kann. Warum also nicht in dieser Ausnahmesituation ein Blog schreiben, wie ich es in Ecuador immer getan habe?

Hobbys

Was soll man machen, wenn man sein Zuhause nur mit triftigem Grund verlassen darf? Ich habe Hobbys wieder aufleben lassen, die ich schon fast vergessen hatte. Dazu gehören Zauberwürfel und Klavierspielen. Beim Klavierspielen hatte ich mich ja früher schon auf Elton-John-Stücke spezialisiert, da gibt es jede Menge von und mir wird nicht langweilig. Hier ein paar der Liederbücher:

Elton John Songbooks

Und dann kam Melly kurz vor Ostern mit meinem alten Zauberwürfel (Original von 1980 mit abgenutzten Aufklebern) aus der Schule zurück und wollte ihn erklärt haben. In ihrer Klasse war der gerade in Mode unter einigen Schülern. Die ersten beiden Ebenen konnte Melly schon und ich zeigte ihr, wie man die letzte Ebene löst. Nach ca.35 Jahren Pause fiel mir doch noch einiges ein. Zu Ostern gab es dann den 2x2, 4x4 und 6x6 "für uns beide" geschenkt, im Oktober und zu Weihnachten noch den 9x9 und ein paar Varianten (s. Bilder). Dann erinnerte ich mich an einen Tweet von einem Freund, der kurz vor Weihnachten 2019 eine neue Schnelllösemethode für den 3x3 gemeinsam lernen wollte und ich tauschte mich mit ihm aus. Im Schnelllösen wurde ich schnell von Melly abgehängt, sie löst den Würfel in 1 Minute, mein Freund in unter 30 Sekunden (und das mit gebrochenem Finger!), während ich 2:30 Minuten benötige. Also habe ich mich auf Muster drehen spezialisiert. Nach den ersten Instagram- und Facebook-Posts von den Ergebnissen habe ich gemerkt, dass das normale Publikum davon schnell ermüdet, während ich über Hashtags ein auf Würfelmuster spezialisiertes, internationales Publikum zusammengesucht habe und dafür einen eigenen Instagram-Account eröffnet habe. Hier ein paar Ergebnisse:

Mastermorphix, wechselt die Form

9x9 Würfel

Gigaminx, (Pentagon-)Dodekaeder mit 12 Seiten

Pyramide 4x4

Square1, ein auch ein Zauberwürfel, der die Form verändert

Je größer die Würfel werden, desto unübersichtlicher. Das Lösungsprinzip unterscheidet sich aber nicht sehr, im Prinzip kann man alle Würfel mit einer einzigen Methode lösen. Diese Methode ist mir in den Achtzigern einmal in einer Erleuchtung eingefallen. Es gab ja damals kein Internet wie heute, wo man sich die Lösung eines beliebigen Würfels googeln konnte. Legendär ist damals die Spiegellösung gewesen, so legendär, dass sie jemand nachträglich ein paar Jahrzehnte später hier beim Spiegel hochgeladen hat. Aber für die anderen Würfel (damals gab es u.a. die 3x3 Pyramide und den 4x4 und 5x5 Würfel) war man auf sich selbst angewiesen. Diese Lösungsmethode ist natürlich nicht nur mir alleine eingefallen, jemand anders hat sie hier recht anschaulich auf Englisch dargestellt. Im Wesentlichen beruht sie darauf, dass man zwei Steine in einer Ebene vertauscht (oder verdreht) ohne auf die restlichen Ebenen achten zu müssen, sich die Züge dabei merkt und danach nach einem Zwischenzug die Zugreihenfolge rückwärts wiederholt, die restlichen Ebenen stellen sich durch das Rückwärts wieder auf die Position vor der Zugreihenfolge zurück. Das trainiert das Gedächtnis (man muss sich was merken) und die Konzentration (bei großen Würfeln die Übersicht zu behalten, welche zwei Steine man gerade vertauscht und nicht in der Spalte oder Reihe durcheinander zu kommen). Die Krönung der Gedächtnisleistung wird übrigens erbracht, wenn gerade mitten im Zug der Paketbote klingelt. Auf den chinesischen Webseiten wird immer damit geworben, dass Zauberwürfel Alzheimer vorbeugen, ich glaube das gerne. Den 9x9 habe ich übrigens direkt in China bestellt während der Lieferschwierigkeiten durch die Lockdowns dort und hier. Nachdem ich das Geld schon abgeschrieben hatte und der Status der Trackingnummer nach zwei Monaten vom Radar verschwand, kam das Päckchen nach 2½ Monaten doch an, die Freude war groß. Angeblich hat der Würfel den größten Teil der Zeit beim Zoll am Frankfurter Flughafen verbracht, ob das wirklich stimmt werde ich nie erfahren.

Sport

Spaziergang von Teltow nach Heinersdorf

Eine besondere Form von Hobby ist natürlich der Sport, der durch mangelnde Bewegung im Homeoffice während des Lockdowns umso wichtiger wurde. Ich habe einfach mit meinem Triathlontraining weiter gemacht, obwohl 2020 beide gebuchten Triathlons (Krumme Lanke und Wannsee) auf 2021 verschoben wurden (und ich nicht sicher bin, ob es dabei bleibt). Auch der Firmenlauf mit Einlauf im Olympiastadion ist ausgefallen. Bei der Bahn gab es stattdessen eine Online-Lauf-Challenge über 5km, wo man den Screenshot seiner Lauf-App hochladen konnte und dann dafür wie jedes Jahr das Bahn-Laufshirt bekommen hat. Laufen und Radfahren ist ja zum Glück immer möglich (außer in der einen Winterwoche in Teltow mit Schnee und Temperaturen unter 0°C), das Schwimmen war dagegen (außer im See) oft eingeschränkt. Ich habe das Gefühl, dass mehr Menschen während des Lockdowns Sport und auch Spaziergänge machen. Der Körper dankt und braucht es und es entspannt die Situationen, wo durch Homeoffice und Homeschooling alle in der Familie am gleichen Fleck hocken. Mit Silvia gehe ich zeitweise jeden Abend spazieren.

Laufen über Feldwege um Teltow herum

Homeoffice, Homeschooling

In den vergangenen 11 Monaten war ich zweimal im Büro, einmal um Post abzuholen (die sich als Werbegeschenk entpuppte) und einmal, um die beim ersten Mal im Büro vergessene Webcam wieder abzuholen. Bei IBM hatten wir das Homeoffice schon vor 20 Jahren (das ist so lange, dass IBM vor Corona schon das Homeoffice wieder einschränken wollte, um seinem Ruf, der Zeit um mindestens zehn Jahre voraus zu sein, gerecht zu werden), bei der DB Systel wurde es vor sechs Jahren eingeführt. Ich genoss die Vorzüge (Arzt-, Handwerker- und Balletttermine) aber auch die 1-2 Tage pro Woche, die ich im Büro oder auf Dienstreisen verbrachte. Die eine Stunde Fahrt zur Arbeit empfand ich ebenfalls als Erholung (wenn sie nicht auf einer Dienstreise zwischen 5:00 und 6:00 morgens lag...), entweder mit Bewegung auf dem E-Bike (und dabei sehr Corona-konform) oder lesend in der S-Bahn. Dass diese "Wandertage" seit einem Jahr völlig weggefallen sind, ist mehr als schade. 

Früher hatte ich im Homeoffice unbewusst ein schlechtes Gewissen (weil ein Großteil der Büroarbeiter in Deutschland halt im Büro und nicht zu Hause arbeitet) und habe Webcams nicht gemocht, weil ich mit T-Shirt statt Hemd vor der privaten Schrankwand arbeite. Seit Corona ist das das neue Normal, jetzt gibt es neue Funktionen, die die private Schrankwand durch ein beliebiges Hintergrundbild ersetzen, keiner hat ein Hemd an, und manchmal (wenn auch selten) kommt es vor, dass ein Kollege die Hintergrundbildfunktion nicht kennt und seine Frau im Hintergrund die Wäsche aufhängt, weil sie die eingeschaltete Kamera nicht bemerkt. Durch das gleichzeitige Homeschooling kommen noch fragende Kinder dazwischen oder laute Druckergeräusche für Mellys neue Arbeitsblätter. 

Virtuelle Weihnachtsfeier der Jungs als Teams-Konferenz

Das Homeschooling ist für die Schulen gefühlt ein Quantensprung. Beim ersten Lockdown war das Hauptmedium noch E-Mail (natürlich die Adresse der Eltern) und der besagte Drucker zum Ausdrucken von Arbeitsblättern. Eine Schulcloud war erst im Aufbau (und jedes Bundesland hat da meines Wissens seine eigene Lösung), und einmal wurde eine Zoom-Konferenz angeboten. Die Deutsch-Lehrerin hat auch einmal ein Video selbst gedreht zu Satzteilen, das Weiterleiten und Aufrufen des Videos war nicht ganz einfach. Jetzt beim zweiten Lockdown ist die Schulcloud inkl. Konferenzsystem gesetzt, Zoom wegen Datenrechtsfragen an der Schule nicht mehr zugelassen und die Arbeitsblätter müssen nicht mehr zu Hause ausgedruckt, sondern können einmal wöchentlich in der Schule draußen auf dem Hof (oder durch ein Fenster) abgeholt werden. Die Konferenzen finden nun fast täglich statt und nicht mehr nur einmal in mehreren Wochen. Das hat aber auch zur Folge, dass Melly und Silvia, die denselben PC benutzen (Silvia zum Lernen im Home-Studium), sich gut abstimmen müssen. Aber zum Glück haben wir ein Haus mit drei Schreibtischen in drei getrennten Zimmern (wovon keines die Küche, das Ess- oder das Wohnzimmer ist). 

Sonntag, 18. August 2019

Mobilität


Wenn ich mal in Berlin bin, also meist nach der Arbeit auf dem Nachhauseweg, probiere ich unterschiedliche Verkehrsmittel aus. Um fit zu bleiben, habe ich mich z.B. bei Lidl Bike, der Berliner Variante von Call a Bike, angemeldet. Am Ostkreuz bei meiner Arbeit steht immer ein Rad innerhalb von 100 m zur Verfügung und so fahre ich abends bei gutem Wetter oft von Ostkreuz nach Südkreuz mit dem Rad statt mit der S-Bahn. Man muss sich einmal registrieren, was etwas aufwändiger war. Danach bucht man per App, abgerechnet wird im Halbstundentakt, einmal jährlich zahlt man 3€ im Basistarif. Für meine 45 Minuten wird mir eine Stunde abgerechnet, ich zahle 2€ (wenn ich das Rad an einer virtuellen Station abgebe, die man nur in der App, nicht real sieht und wo man sich deshalb schon mal vertun kann), außerhalb der Station 50c mehr. Die Räder sind robust, haben eine 7-Gang-Nabenschaltung und sind meist sehr gut in Schuss. Ein solides Angebot, preislich unschlagbar.

Als es in Berlin im Juni mit den Elektrorollern losging, habe ich mit Lime eine Fahrt vom Hauptbahnhof durch den Tiergarten zum Zoo unternommen. Die Anmeldung ging unkompliziert in der App, zum Fahren muss man allerdings erst einmal Guthaben von mindestens 10€ aufladen. Die Bedienung der Roller ist intuitiv, macht Spaß, das Fahren ist aber sehr ungewohnt und wacklig, vor allem in engen Kurven und auf Kopfsteinpflaster. Auf die Straße würde ich mich ohne weitere Übung erstmal nicht trauen. Aber gut, im Radfahren hat man meist auch jahrelange Übung, im Rollerfahren dagegen halt gar keine. Nach 19 Minuten und 4€ (die minutengenaue Abrechnung hat 20 Minuten draus gemacht, offenbar ein Bug in der jungen App) kam ich verkrampft am Zoo an. Ein teures und unbequemes Spielzeug für kurze Strecken. Damals hat eine Stunde 9€ plus 1€ pro Fahrt gekostet, also fünfmal so viel wie Lidl-Bike, inzwischen sind die Preise sogar noch angehoben worden (12€ plus 1€, 6,5 mal so viel wie Lidl-Bike).

Am Ostkreuz gibt es jetzt auch die neonroten Elektrofahrräder von Jump, einer Uber-Marke. Die Anmeldung ist ähnlich einfach wie bei Lime direkt über die Uber-App. Die Preise sind so hoch wie bei den Elektrorollern vor der Preiserhöhung: 1€ pro Fahrt, 15c pro Minute. Wenn man hier auf das Rad aufsteigt, kommt man sich vor wie Superman, Radfahren ist auf einmal so einfach und man überholt mühelos alle konventionellen Radfahrer. Man muss aufpassen, dass man nicht zu schnell fährt, obwohl man bei Jump nur eine 3-Gang-Schaltung hat. Als ich danach wieder auf meinem normalen Rad fuhr, dachte ich wirklich, es hätte einen Platten, so schwer kam es mir vor. 52 Minuten, 8,79€, hier kriegt man sogar 1c weniger berechnet. 25% günstiger als Elektroroller, aber viel bequemer und effektiver, eine gute Alternative zum Taxi innerhalb der Innenstadt auch für lange Strecken.

Anzumerken ist noch, dass ich alle drei Angebote mit schlechtem Gewissen, da ohne Helm, fahre. Es gibt jetzt schon Falthelme zu kaufen, die man immer im Rucksack haben kann. Ich denke, ich werde mir so einen zulegen.

Mittwoch, 24. Juli 2019

Alltag in Ecuador 2

Banken, Geldtransfer
Die Affen von Misahualli laufen nicht mehr auf dem Dorfplatz herum, aber im Wald sieht man sie noch auf den Bäumen
Es war nicht einfach, den Galápagos-Urlaub hier in Ecuador zu bezahlen. Gebucht hatten wir in einem Reisebüro in Ambato, das von außen durch ein verriegeltes Tor wie ein Privathaus wirkte, beim ersten Besuch war auch keiner da. Beim zweiten Mal hat es dann geklappt, die Reise war gebucht. Bezahlung war nur bar (beim Reisebüro oder Bareinzahlung bei der Hausbank) oder per Überweisung von einem inländischen Konto möglich, Kreditkarten wurden nicht akzeptiert. 600 $ waren am gleichen Tag als Anzahlung fällig, der Restbetrag fünf Tage später. Am Geldautomaten der Hausbank würde die Maestro-Karte nicht akzeptiert und das tägliche Limit für Kreditkarten Abhebungen liegt in Ecuador anscheinend bei 200 $, das wird einem aber nicht angezeigt, das kann man nur mit Trial and Error erforschen. Also zur nächsten Bank, die Maestro akzeptiert, da ist das Limit immerhin bei 500$ pro Tag. Dann mit vollen Taschen wieder zur Hausbank, Einzahlbeleg ausfüllen (ich habe nur zwei Formulare gesehen: Bareinzahlung und Barauszahlung, Überweisungen sind hier offenbar weiterhin die Ausnahme), an der Schlange von ca. 20 Leuten anstellen und nach zwanzig Minuten war die Anzahlung erledigt. Achso, per WhatsApp noch kurz das Reisebüro informieren und den Eingang bestätigen lassen. Für die Restzahlung mussten wir uns etwas anderes einfallen lassen, wir konnten schließlich nicht jeden Tag 30 Minuten nach Baños fahren, um Teilbeträge abzuheben und einzuzahlen. Also probierten wir Western Union online, einen Transfer vom eigenen Kontobach hier an Silvias Bruder oder Schwester. Hier ist für Transfers über 1.000 $ jedoch eine Online-Videochat-Zertifizierung notwendig. Der Chat baute sich immer auf, aber fror dann nach einigen Minuten wieder ein wegen der langsamen Verbindung hier. Er konnte nie zu Ende geführt werden. Als letzte Rettung half uns Silvias Schwester auf Lanzarote aus, sie schickte uns das Geld über Western Union, wir fuhren zwei Tage später nochmal  nach Ambato, Silvias Bruder hob das Geld ab und wir konnten nun erleichtert die Einzahlung in der Hausbank tätigen. Hier gibt es für alles eine Lösung!
Strand von Misahualli, Napo
Metro in Quito
Anflug auf Quito
Quito liegt zwischen zwei Anden-Bergzügen und kann sich deshalb nur in Nord-Süd-Richtung ausdehnen. So ist Quito 45km lang und nur maximal 5km breit. Der Verkehr wird über Busse und Autos abgewickelt und ist dementsprechend stets überlastet. Die beiden bisherigen Programme dagegen, Trolebus (Schnellbusse mit eigenen Fahrspuren und straßenbahnähnlichen Haltestellen, eingeführt 1995) und Pico y Placa (von der letzten Ziffer des Nummernschilds abhängiges Fahrverbot zu Stoßzeiten für einen bestimmten Werktag, eingeführt 2011) konnten wenig ändern, eine Trolefahrt vom Süden in den Norden dauert im Berufsverkehr 1,5 Stunden. Das soll sich ab Dezember 2019 (andere Quellen sprechen von März 2020) ändern, wenn die Metro von Quito eröffnet wird. Dann wird die Strecke mit 15 Stationen in 35 Minuten passierbar sein. 18 Züge mit je sechs Wagen sind dafür in Spanien bestellt worden, mindestens drei sind schon ausgeliefert worden.
Wassertaxis (gelb) auf Galápagos, Schiffe dürfen nicht direkt am Steg an!egen.
Freilaufende Hunde

Man sieht hier auf dem Land öfters freilaufende Hunde, was auch daran liegt, dass es wenig Zäune gibt. So ist der Nachbarhund manchmal in unserem Garten und die Autofahrer müssen immer achtsam sein. Einmal müsste ich beim morgendlichen Joggen meine erste Runde vorzeitig beenden, da zwei heftig bellende Hunde den Weg versperrten. Zum Glück waren sie nach der zweiten Runde nicht mehr da, ich wäre sonst gefangen gewesen.
Fritada (Schweinepfanne) und weiße Maiskolben

Donnerstag, 18. Juli 2019

Alltag in Ecuador

WhatsApp, Mobiles Internet

Bei meinem ersten Besuch 2006, das Smartphone wurde gerade erst erfunden, waren Blackberry-Handys hier am beliebtesten, wegen der Tastatur zum SMS Schreiben. Inzwischen gibt es hier einen WhatsApp-Boom. Taxifahrer chatten während einer Ampelpause, unser Hotel in Quito haben wir per WhatsApp gebucht, im Reisebüro wurden uns alle Vertragsunterlagen per WhatsApp zugeschickt, und auf der Taxifahrt zum Flughafen hat die Taxifahrerin uns gleich als Kontakt für die Rückfahrt mit Stammkundenrabatt aufgenommen ("Internationale Handyummer? Mit WhatsApp doch gar kein Problem..."). Mobiles Internet, vor ein paar Jahren hier noch unbezahlbar und ein Exot, kann man hier bei aufgeladenen Guthaben mit ein paar Eingaben in wenigen Sekunden tageweise dazubuchen. Auf unserer geliehenen SIM-Karte von Claro kostet eine Flatrate für Anrufe und SMS (die ja keiner mehr nutzt...) inkl. 1 GB Datenvolumen und WhatsApp unbegrenzt 3$ für drei Tage.
Halsenback, Abdichtband aus Deutschland wird hier gerne für Wasserhähne verwendet.
Richard Carapaz

Ecuador hat mit dem Radrennfahrer Richard Carapaz einen neuen Nationalhelden, nachdem dieser dieses Jahr als erster Ecuadorianer das Giro d'Italia gewonnen hat. Aufgewachsen in einem kleinen Andenbergdorf nahe Kolumbien in 2.900 m Höhe ist er nun Spezialist für Bergstrecken. Sein Bild wirbt für Movistar, den zweitgrößten Mobilfunkanbieter (nach Claro) in Ecuador. Silvias Onkel Daniel erzählt mir, dass er alle Etappen vom Giro d'Italia und nun von der Tour der France im Fernsehen verfolgt. Nur bei Marathon, dem Adidas Ecuadors, ist man darauf noch nicht eingestellt, Fahrradtrikots gibt es da noch nicht zu kaufen.
Richard Carapaz beim Giro d'Italia
Smalltalk

Wenn Silvias Tanten Mercedes (Miche) und Rosa zu Besuch kommen, ist für mich immer Smalltalk mit Onkel Don Daniel angesagt. Als ehemaliger Lehrer ist er einer der wenigen Ecuadorianer, die auch an internationalen Themen interessiert sind. So haben wir uns über Gelbwesten, Fridays for Future, Brexit und die nordirische Grenze, Radrennen, die Neue Seidenstraße Chinas und die Lage in Venezuela unterhalten. Auch wollte er wissen, was sich für mich seit dem letzten Besuch in Ecuador vor zwei Jahren verändert habe. Ich antwortete, dass es nun auch Pizza im Bus gäbe und im Zentrum von Puyo die oberirdischen Kabel jetzt unterirdisch verlegt würden.
Besuch der Tanten (3. Und 4. von links) in San Francisco, Don Daniel 6. von links
Die ecuadorianische Lösung für das Problem der in der Mitte ausgefranzten Kuchenstücke: das runde Mittelstück 
Venezulaner

Zur Zeit kommen viele venezulanische Flüchtlinge nach Ecuador. Viele reisten noch weiter nach Peru, das seit dem 15. Juni alle Venezulaner nur noch mit Reisepass und humanitären Visum (erhältlich in den peruanischen Konsulaten in Venezuela, Kolumbien und Ecuador) einreisen lässt. Flüchtlingsorganisationen organisierten dafür Bustransfers von der kolumbianisch-ecuadorianischen Grenze zur ecuadorianisch-peruanischen Grenze. Seit der peruanischen Entscheidung ist der Flüchtlingsstrom in Ecuador von 1.500 täglich auf über 4.000 angestiegen. Vorher hatte Peru zwei Jahre lang großzügig ca. 800.000 Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen an Migranten ausgegeben. Nach Schätzungen sind seit 2015 vier Millionen Venezulaner geflüchtet, 15% der Bevölkerung, 1,5 Millionen davon nach/über Ecuador, 300.000 leben in Ecuador. Im Januar 2019 kam es zu landesweiten Protesten gegen Venezolaner, nachdem eine junge, schwangere Ecuadorianerin von ihrem venezolanischen Freund erstochen wurde. Präsident Lenin Moreno führte daraufhin eine neue Spezialgrenzbrigade ein und fordert nun polizeiliche Führungszeugnisse für alle Einwanderer. In Quito haben wir Venezolaner im Busbahnhof gesehen, die Taxifahrerin erzählte, dass sie dort bis fünf Uhr morgens zum Schlafen geduldet werden.

"Wir schaffen das!", Chemnitz und bayerische Grenzpolizei: gibt es alles ähnlich in Peru und Ecuador.